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Sonntag, 19. Juli 2015

Mit jedem NICHT wehrst du dich gegen dein Wohlbefinden


Sara hatte noch nicht einmal den halben Tag hinter sich und schon zwei Seiten voller Neins, über die sie mit Salomon reden wollte.
Saras Nachmittag stellte sich als ebenso furchtbar heraus wie der Morgen. Sie konnte ihrer Liste noch das Folgende hinzufügen:

WIRF NICHT DAMIT HERUM!
HÖR DAMIT AUF!
ICH SAGTE NEIN!
HAST DU NICHT GEHÖRT?
HABE ICH MICH NICHT DEUTLICH GENUG AUSGEDRÜCKT?
HÖR AUF ZU DRÄNGELN!
ICH WILL ES NICHT NOCH EINMAL SAGEN MÜSSEN!

Am Ende des Tages war Sara völlig erschöpft. Es kam ihr so vor, als wehrte sich die ganze Welt gegen ihr Wohlbefinden.
„Junge, Junge, Salomon, du hast Recht! Fast alle sagen nein statt ja. Selbst ich, Salomon. Ich weiß doch, was ich tun soll, und doch kann ich es nicht.“
NICHT EINMAL ICH KANN ES, schrieb Sara auf ihre Liste.
Was für ein Tag.
Das ist ja eine ganz ansehnliche Liste, Sara. Du scheinst einen erfüllten Tag gehabt zu haben.
„Ach Salomon, du hast ja keine Ahnung. Das sind nur ein paar von den Dingen, die ich heute gehört habe. Die Leute sagen fast immer nein, Salomon. Und sie merken es nicht einmal! Und ich auch nicht, Salomon. Das ist wirklich schwierig.“
Sara, wenn du erst einmal weißt, worauf du zu achten hast, und wenn du erkennst, was dein Ziel ist, ist es nicht mehr so schwierig. Sara, lies mir etwas von deiner Liste vor. Dann zeige ich dir, was ich meine.
„KOMM NICHT ZU SPÄT.“
Sei pünktlich.
„WIR WOLLEN DOCH NICHT, DASS UNSER BESUCH EIN UNORDENTLICHES HAUS VORFINDET.“
Wir möchten, dass sich unsere Gäste in unserem Haus wohl fühlen.
„LASS NICHT DIE KALTE LUFT HEREIN.“
Wir wollen ein schönes, warmes Heim haben.
„KOMM NICHT ZU SPÄT ZUR SCHULE.“
Wenn du pünktlich bist, fühlst du dich gut.
„DU WILLST DOCH NICHT HINFALLEN.“
Konzentriere dich auf deinen Körper.
„DAS WIRD NICHT LEICHT SEIN.“
Es wird mir gelingen.
„AUF DEM FLUR WIRD NICHT GERANNT.“
Nimm Rücksicht auf andere.
„ES IST NICHT GESTATTET, WÄHREND DES UNTERRICHTS ZU REDEN.“
Lasst uns gemeinsam lernen.
„ES IST NICHT GESTATTET, WÄHREND DES UNTERRICHTS AUS DEM FENSTER ZU SCHAUEN.“
Es ist zu deinem eigenen Nutzen, aufmerksam zu sein.
„ES IST NICHT GESTATTET, HAUSAUFGABEN VERSPÄTET ABZUGEBEN.“
Lasst uns miteinander Schritt halten und gemeinsam arbeiten.
„ES IST NICHT GESTATTET, HAUSTIERE MITZUBRINGEN.“
Eure Tiere fühlen sich zu Hause viel wohler.
„Sagenhaft, Salomon, du hast den Bogen wirklich raus!“
Sara, auch du wirst es bald können. Man muss es nur üben. Welche Worte du benutzt, ist nicht so wichtig. Was dir schadet, ist das Gefühl, dass du dich gegen etwas zur Wehr setzt. Als deine Mutter sagte: „Lass die Tür nicht offen“, wehrte sie sich mit Sicherheit gegen etwas, das sie nicht wollte. Aber selbst wenn sie gesagt hätte: „Mach die Tür zu“, hätte sie immer noch mehr an das gedacht, was sie nicht wollte. Daher wäre ihre Absicht eine Abwehr gewesen.Verstehst du, dass du in das hinein spüren solltest, statt dich gegen etwas zu wehren, was du nicht möchtest?Sicher weisen deine Worte darauf hin, in welche Richtung du gehst, aber deine Gefühle sind ein besserer Hinweis darauf, ob du etwas zulässt oder dich gegen etwas wehrst.Ich wünsche dir viel Spaß dabei, Sara. Wenn du dich dagegen wehrst, nein zu sagen, wehst du dich immer noch. Es geht darum, mehr davon zu reden, was du möchtest. Und wenn du das tust, dann wird dein Leben immer besser. Du wirst schon sehen.
S. 165-168

Samstag, 18. Juli 2015

Ein Glied in der Kette der Freude

ISBN-13: 978-3-7787-7173-0
„Salomon, warum sind die Leute so gemein?“
Sind denn wirklich alle Menschen gemein, Sara? Das war mir noch gar nicht aufgefallen.
„Na ja, vielleicht nicht alle, aber die meisten schon. Ich verstehe nur nicht, warum. Wenn ich gemein bin, fühle ich mich schrecklich.“
Wann bist du gemein, Sara?
„Meistens, wenn jemand anders zuerst gemein war. Ich glaube, ich werde dann gemein, um es ihm heimzuzahlen.“
Hilft das?
„Ja“, antwortete Sara kleinlaut.
Und wie, Sara? Fühlst du dich besser, wenn du es ihnen heimzahlst? Ändert das etwas oder kannst du dadurch ihre Gemeinheit ungeschehen machen?
„Wahrscheinlich nicht.“
Nach meiner Erfahrung setzt das nur noch mehr Gemeinheit in die Welt. Es ist so, als würdest du ein Glied in der Kette des Schmerzes werden. Erst leiden sie, dann leidest du und dann trägst du dazu bei, dass jemand anders leidet und so weiter.
„Aber wer hat denn mit dieser schrecklichen Kette des Schmerzes angefangen?“
Es spielt eigentlich keine Rolle, wie das alles angefangen hat. Wichtig ist, was du damit machst, wenn sie dich erreicht. Worum geht es hier, Sara? Warum bist du ein Teil der Kette des Schmerzes geworden?
Sara, der speiübel war, erzählte Salomon von Donald, dem Neuen, und von seinem ersten Schultag. Sie sprach von den Angebern, die immer etwas zu finden schienen, mit dem sie Donald aufziehen konnten. Sie erzählte auch von dem Vorfall, der sich gerade erst im Flur abgespielt hatte. Und als sie beim Berichten diese Vorfälle noch einmal durchlebte, spürte sie, wie in ihr wieder die Wut hochkam. Als sich eine Träne aus ihrem Auge stahl und ihr die Wange hinunterlief, wischte sie sie wütend mit dem Ärmel weg. Sara war verstört darüber, dass sie schniefte und schluchzte, statt sich wie sonst angeregt mit Salomon zu unterhalten. So sollte es bei Salomon überhaupt nicht sein.
Die Eule war lange Zeit still, während chaotische Gedanken durch Saras Kopf schossen. Sie spürte, dass Salomon sie aus seinen großen liebevollen Augen beobachtete, aber es war ihr überhaupt nicht peinlich. Fast schien es, als ob Salomon etwas aus ihr herauslocken wollte.
Also, klar ist, was ich nicht will, dachte Sara. Ich möchte mich nicht so fühlen. Besonders dann nicht, wenn ich mit Salomon rede.
Sehr gut, Sara. Du hast gerade ganz bewusst den ersten Schritt gemacht, um die Kette des Schmerzes zu durchbrechen. Du hast ganz bewusst erkannt, was du nicht willst.
„Und das ist gut?“; staunte Sara. „Ich fühle mich aber gar nicht gut!“
Das liegt daran, dass du nur den ersten Schritt gemacht hast, Sara. Es gibt noch drei weitere.
„Was ist der nächste Schritt, Salomon?“
Also, Sara, es ist nicht schwer herauszufinden, was du nicht willst. Stimmst du mir zu?
„Ja, wahrscheinlich schon. Also, meistens weiß ich das schon.“
Woher weißt du, dass du an etwas denkst, das du nicht willst?
„Ich weiß es einfach irgendwie.“
Du weißt es, weil du dann etwas Bestimmtes fühlst, Sara. Wenn du über etwas sprichst oder an etwas denkst, das du nicht willst, nimmst du immer ein negatives Gefühl wahr - Wut, Enttäuschung, Verlegenheit, Schuld oder Angst. Dir geht es nicht gut, wenn du an etwas denkst, das du nicht willst.
Sara dachte an die vergangenen Tage, in denen sie mehr negative Gefühle gehabt hatte als sonst. „Du hast Recht, Salomon“, sagte sie. „Ich habe das in der letzten Woche oft gespürt, wenn ich gesehen habe, wie die fiesen Typen auf Donald herumhacken. Seit ich dir begegnet bin, bin ich so glücklich gewesen. Und dann wurde ich so wütend, weil sie Donald fertig machten. Ich kann jetzt sehen, dass meine Gefühle etwas damit zu tun haben.“
Gut, Sara. Dann wollen wir jetzt über den zweiten Schritt reden. Wenn du weißt, was du nicht willst, sollte es dann nicht einfach sein, herauszufinden, was du willst?„Also...“, begann Sara, die verstehen wollte, aber nicht sicher war, worauf das hinauslief.
Wenn du krank bist, was möchtest du dann?
„Ich möchte gesund werden“, antwortete Sara spontan.
Wenn du nicht genug Geld hast, um dir etwas zu kaufen, das du haben möchtest, was wünscht du dir dann?
„Mehr Geld“, kam die Antwort.
Siehst du, Sara, das ist der zweite Schritt, um die Kette des Schmerzes zu zerbrechen. Schritt eins ist die Erkenntnis dessen, was du nicht willst. Schritt zwei besteht darin, dich zu entscheiden, was du willst.“
„Also, das ist ja einfach.“ Sara ging es allmählich besser.
Der dritte Schritt ist der wichtigste, Sara. Diesen kennen die meisten Menschen nicht. Schritt drei lautet: Sobald du erkannt hast, was du möchtest, musst du es wirklich fühlen. Du musst darüber sprechen, warum du es willst; beschreiben, wie es wäre, es zu haben; es erklären; so zu tun, als ob du es hättest oder dich an etwas Ähnliches erinnern. Auf jeden Fall musst du so lange daran denken, bist du es fühlst. Beschäftige dich so lange mit dem, was du möchtest, bis du ein Gefühl des Wohlbehagens verspürst.Sara traute ihren Ohren nicht. Salomon ermutigte sie doch tatsächlich, ihre Zeit damit zu verbringen, sich Dinge vorzustellen. Deshalb hatte sie ja schon mehr als einmal Ärger gehabt. Es schien, als ob Salomon ihr das genaue Gegenteil von dem erzählte, was ihr die Lehrer in der Schule beizubringen versuchten. Aber sie hatte gelernt, Salomon zu vertrauen. Und sie war auf jeden Fall bereit, etwas Neues auszuprobieren. Was ihr die Lehrer erzählt hatten, funktionierte ja offensichtlich nicht.
„Warum ist der dritte Schritt der wichtigste, Salomon?“
Weil du erst dann wirklich etwas veränderst, wenn du deine Gefühle verändert hast. Sonst bleibst du ein Glied in der Kette des Schmerzes. Aber wenn du deine Gefühle veränderst, bist du ein Glied in der anderen Kette - man könnte sagen, in Salomons Kette.„Wie heißt denn deine Kette, Salomon?“
Eigentlich habe ich ihr keinen Namen gegeben. Man muss sie fühlen. Aber man könnte sie Kette der Freude nennen oder Kette des Wohlbefindens. Die Glückskette. Es ist eine ganz natürliche Kette, Sara. Das ist es, was wir wirklich sind.„Aber wenn sie so natürlich ist, wenn sie das ist, was wir alle sind, warum fühlen sich dann nicht mehr Menschen öfter gut?“
Die Menschen, wollen, dass es ihnen gut geht, und die meisten Menschen wollen auch sehr gern gut sein. Und das ist gerade Teil des Problems.„Was soll das heißen? Wie kann es ein Problem sein, wenn man gut sein möchte?“
Also, Sara, die Leuten möchten gut sein. Daher schauen sie sich an, wie andere Leute leben, um herauszufinden, was gut ist. Sie schauen sich die Verhältnisse an, in denen sie leben, und dann sehen sie Dinge, die sie für gut halten, und Dinge, die sie für schlecht halten.„Und das soll schlecht sein? Was soll denn daran schlecht sein, Salomon?“
Mir ist aufgefallen, dass die meisten Menschen nicht darauf achten, wie sie sich fühlen, wenn sie sich die Verhältnisse - gut oder schlecht - anschauen. Und da läuft die Sache aus dem Ruder. Statt sich bewusst zu sein, dass sich das, was sie sich anschauen, auf sie auswirkt, achten sie auf ihrer Suche nach dem Guten immer auf das Schlechte und versuchen, es wegzudrängen. Das Problem dabei ist einfach, dass sie Glieder in der Kette des Schmerzes geworden sind, wenn sie immer das ablehnen, was sie für schlecht halten. Die Menschen sind mehr daran interessiert, sich die Verhältnisse anzuschauen, die zu analysieren und zu vergleichen, als darauf zu achten, wie sie sich dabei fühlen. Und häufig ziehen sie die Verhältnisse wieder in die Kette des Schmerzes hinein.Sara, denk einmal an die letzten Tage. Versuch dich an deine stärksten Gefühle zu erinnern. Was war geschehen, als es dir in der letzten Woche so schlecht ging, Sara?„Ich fühlte mich furchtbar, als Tommy und Lynn sich über Donald lustig machten. Mir ging es schrecklich, als die Kinder Donald ausgelacht haben. Aber am schlimmsten fühlte ich mich, als Donald mich anschrie. Dabei habe ich doch nur versucht, ihm zu helfen, Salomon.“
Gut, Sara. Lass und darüber reden. Was hast du getan, als du dich so mies gefühlt hast?„Ich weiß nicht, Salomon. Eigentlich habe ich gar nichts getan. Ich hab‘ wohl die meiste Zeit zugeschaut.“
Das ist genau richtig, Sara. Du hast die Situation beobachtet. Aber die Situationen, die du beobachtest, sind genau diejenigen, die dich dazu bringen, ein Glied in der Kette des Schmerzes zu werden.„Aber Salomon“, erwiderte Sara, „wie soll man denn das, was falsch ist, nicht sehen? Und wie soll man sich denn nicht schlecht fühlen, wenn man es sieht?“
Eine sehr gute Frage, Sara. Ich verspreche dir, dass ich sie dir ausführlich beantworten werde, wenn die Zeit gekommen ist. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, dies alles auf einmal zu verstehen. Der Grund, warum es zuerst schwierig ist, es zu verstehen, ist einfach der, dass man dir beigebracht hat, etwas außerhalb deiner selbst zu beobachten - dass man dir aber nicht beigebracht hat, zu beobachten, wie du dich dabei fühlst. Folglich bestimmen äußere Situationen und Verhältnisse dein Leben. Wenn du etwas Gutes siehst, reagierst du darauf mit einem guten Gefühl, und wenn du etwas Schlechtes siehst, reagierst du darauf mit einem schlechten Gefühl. Weil Dinge außerhalb von euch selbst euer Leben bestimmen, sind viele von euch so frustriert. Deshalb werden auch weiterhin so viele Menschen Glieder in der Kette des Schmerzes werden.„Wie kann ich denn aus der Kette ausbrechen, damit ich auch anderen helfen kann auszusteigen?“
Nun, Sara, dafür gibt es viele Möglichkeiten. Aber die, die mir am besten gefällt, weil sie am schnellsten funktioniert, ist die: Denke Gedanken der Anerkennung und Dankbarkeit.„Anerkennung und Dankbarkeit?“
Ja, Sara. Konzentriere dich auf irgendetwas oder irgendjemanden und finde die Gedanken, durch die es dir am allerbesten geht. Erkenne andere Menschen oder Situationen so gut wie möglich an, würdige sie, lerne sie schätzen, sei ihnen dankbar, erkenne das Gute in ihnen. Das ist die beste Möglichkeit, ein Glied in der Kette der Freude zu werden.Weißt du noch, was der erste Schritt ist?„Zu erkennen, was ich nicht will“, antwortete Sara wie aus der Pistole geschossen. Das hatte sie begriffen.
Und der zweite Schritt?„Zu erkennen, was ich will.“
Sehr gut, Sara. Und der dritte Schritt?„Ach Salomon, das hab‘ ich vergessen“, jammerte Sara, die wegen ihres schlechten Gedächtnisses von sich selbst enttäuscht war.
Der dritte Schritt besteht darin, das Gefühl zu finden, das zu dem passt, was du willst. So lange darüber zu reden, bis du fühlst, dass du es bereits hast.„Salomon, du hast mir noch nicht gesagt, was der vierte Schritt ist“, fiel Sara plötzlich ein.
Ah ja, der vierte Schritt ist der beste, Sara. Jetzt bekommst du nämlich, was du möchtest. Schritt vier ist die so genannte psychische Manifestation deines Wunsches.Viel Spaß dabei, Sara, und streng dich nicht zu sehr dabei an. Übe einfach Anerkennung und Dankbarkeit. Das ist der Schlüssel. S. 61-69

Donnerstag, 16. Juli 2015

Erzähl mir von dem, was du möchtest

ISBN-13: 978-3-7787-7173-0
„Ich wünschte, ich könnte fliegen - so wie du, Salomon.“Warum Sara? Warum würdest du gern fliegen?„Ach, Salomon, es ist so langweilig, immer nur auf der Erde herumzugehen. Es ist so langsam. Man braucht ewig, um irgendwo hinzukommen, und man kann auch nicht viel sehen. Nur die Dinge, die sich hier unten auf der Erde befinden. Wie langweilig!“Sara, es kommt mir vor, als hättest du meine Frage nicht beantwortet.„Hab‘ ich aber, Salomon. Ich sagte, ich würde gern fliegen, weil...“Weil du nicht auf der langweiligen Erde herumlaufen wolltest. Aber du hast mir nicht gesagt, warum du fliegen möchtest. Du hast nur gesagt, warum du nicht nicht fliegen möchtest.„Das ist etwas anderes?“Aber ja, Sara. Etwas völlig anderes. Versuch es noch einmal.Sara war zwar überrascht, dass Salomon so plötzlich beschlossen hatte, so kleinlich zu sein, aber sie setzte noch einmal an. „Also gut. Ich möchte fliegen, weil Gehen nicht besonders viel Spaß macht und weil man hier auf der Erde nur langsam vorankommt.“Sara, merkst du, dass du immer noch darüber redest, was du nicht möchtest und warum du es nicht möchtest? Versuch es noch einmal.„Okay. Ich möchte fliegen, weil... Ich verstehe es nicht, Salomon. Was soll ich denn sagen?“Ich möchte, dass du mir sagst, was du möchtest, Sara.„Ich möchte fliegen!“, schrie Sara, die von Salomons Begriffstutzigkeit mittlerweile ziemlich genervt war.Sag mir jetzt, warum du fliegen möchtest, Sara. Wie wäre es wohl? Wie würde es sich anfühlen? Mach es wirklich für mich. Erklär mir mal, wie es sich anfühlen würde zu fliegen. Ich möchte nicht von dir hören, wie es auf der Erde ist oder wie es ist, nicht zu fliegen. Ich möchte, dass du mir erzählst, wie es ist zu fliegen.Sara schloss die Augen, weil sie allmählich anfing zu begreifen, worauf Salomon hinauswollte. Dann versuchte sie es noch einmal. „Fliegen fühlt sich frei an, Salomon. So wie schweben, nur schneller.“Was würdest du sehen, wenn du fliegen könntest?„Ich würde unter mir die ganze Stadt sehen. Ich könnte die Hauptstraße sehen und die Autos und die Fußgänger. Ich könnte den Fluss sehen und meine Schule.“Wie fühlt es sich an zu fliegen, Sara? Beschreib das Gefühl des Fliegens.Sara hielt mit geschlossenen Augen inne und stellte sich vor, dass sie hoch über der Schule flog. „Es würde solchen Spaß machen, Salomon. Fliegen muss doch einfach Spaß machen. Ich könnte so schnell wie der Wind dahingleiten. Ich würde mich so frei fühlen. Es fühlt sich gut an, Salomon!“ Sara erzählte weiter, völlig in ihrer Vorstellungskraft aufgehend. Und plötzlich spürte Sara dieselbe Kraft, die sie in Salomons Flügeln gespürt hatte, wenn er sich Tag für Tag von seinem Pfosten in die Luft erhoben hatte. Sie spürte ein erhebendes Gefühl in sich, das ihr den Atem raubte. Ihr Körper schien einen Augenblick lang tonnenschwer gewesen zu sein, um dann im nächsten vollkommen schwerelos zu werden. Und dann flog Sara.
S. 49ff

Also, Sara, was hast du heute gelernt? Salomon lächelte sie an.„Hab‘ ich gelernt, dass ich über die ganze Stadt fliegen kann, ohne dass Zeit vergeht?“, fragte Sara vorsichtig. Ob es das war, was Salomon hören wollte? „Ich habe gelernt, dass Jason und Billy mich nicht hören oder sehen können, wenn ich fliege, weil sie zu jung oder noch nicht so weit sind. Ich habe gelernt, dass es da oben überhaupt nicht kalt ist, wenn man fliegt.“Das ist alles schön und gut und wir können später darüber reden. Aber ist dir aufgefallen, Sara, dass du nicht das bekommen konntest, was du wolltest, solange du darüber geredet hast, was du nicht wolltest? Aber als du anfingst, darüber zu reden, was du wolltest - und was noch wichtiger ist, als du fühlen konntest, was du wolltest -, da bekamst du es augenblicklich.Sara war still und versuchte sich zu erinnern. Aber es fiel ihr nicht leicht, sich an irgendetwas zu erinnern, das sie vor dem Flug gedacht oder gefühlt hatte. Sie wollt lieber nur an Flug selbst denken.Sara, denk so oft wie möglich darüber nach. Und übe es so oft wie möglich.„Du möchtest, dass ich das Fliegen übe? Gut!“Nicht nur zu fliegen, Sara. Ich möchte, dass du übst, an das zu denken, was du möchtest und warum du es möchtest, bis du es wirklich fühlen kannst. Das ist das Wichtigste, das du von mir lernen wirst, Sara. Viel Spaß dabei.
S. 55f

Montag, 6. April 2015

Konfliktlösung: Positive Handlungssprache

Facharbeit zur "Friedvollen Kommunikation" - Teil 5


In einem Konflikt ist es nicht ausreichend, wenn alle sehen, was die jeweils anderen Beteiligten brauchen und fühlen. Der nächste und letzte Schritt ist eine Aktion, die die Bedürfnisse aller erfüllt. Hierfür ist es hilfreich, die geplante Strategie klar und eindeutig in gegenwartsbezogener, positiver Handlungssprache vorzubringen.
ROSENBERG, MARSHALL „DAS KÖNNEN WIR KLÄREN!“ S. 21


Handlungsstrategien

Während Bedürfnisse unspezifisch sind, beziehen sich Handlungsstrategien - in Form von Wünschen, Bitten, Sehnsüchten und „Lösungen“ - auf spezielle Menschen, die ganz spezifische Handlungen ausführen.
Um das Bedürfnis nach Hunger zu befriedigen, kann ich mir z.B. rasch ein Brot schmieren, etwas kochen, auswärts Essen gehen oder jemanden bitten, etwas zu kochen. Dies sind alles Strategien.

Insbesondere bei einem Konflikt, bei dem auf eine Lösung hingewirkt wird, mit der die Bedürfnisse aller Beteiligten erfüllt werden, ist es sinnvoll, aktive Handlungsstrategien zu benennen. Dies bedeutet, dass ich deutlich sage, was ich möchte, das mein Gegenüber tut.
Das Wort „zuhören“ z.B. ist kein Verb, das eine aktive Handlung ausdrückt. Wer zuhört ist passiv. Es ist sicher ein gängiger Wunsch zu sagen: „Ich möchte, dass du mir zuhörst.“, doch ist dies kein Weg ein Bedürfnis zu befriedigen. Die Formulierung „Bitte sag mir, was du gehört hast.“ lässt die andere Person aktiv werden. Zugleich lässt sich so überprüfen, ob das Gesagte auch so angekommen ist, wie es gemeint war. Das Bedürfnis nach Verständnis (verstanden werden) wird erfüllt.

Positive Sprache in der Konfliktlösung

Es nur respektvoll und einer Lösung förderlich, wenn das, was von einer anderen Person gewünscht wird, als Bitte vorgetragen wird. Weiterhin lässt eine solche Bitte ein „Nein“ als Antwort zu. Denn wenn eine Person „Nein“ sagt, wird mit der vorgeschlagenen Lösung ein Bedürfnis nicht erfüllt. Statt auf ein widerwilliges „Ja“ zu bestehen, ist es angebrachter, nach einer anderen Strategie zu suchen.

Aber ist dir aufgefallen, Sara, dass du nicht das bekommen konntest, was du wolltest, solange du darüber geredet hast, was du nicht wolltest? Aber als du anfingst, darüber zu reden, was du wolltest [...], da bekamst du es augenblicklich.
Die Eule Salomon
HICKS, ESTHER & JERRY
„SARA UND DIE EULE“ S. 55f.

Diesem Zitat aus dem Kinderbuch ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Gerade bei einem Konflikt ist es hilfreich, dass zu benennen, was gewünscht wird und nicht das, was jemand nicht möchte.

Positive Sprache im Alltag

Wie helfen wir unseren (Tages-)Kindern aus der Spirale der „Macht über andere“-Sprache heraus? Oder besser: Wie vermeiden wir, dass Kinder eine solche Sprache und das dazu gehörende Verhalten entwickeln?
Am Einfachsten ist es, das vorzuleben, was wir erleben möchten und ebenso das, von dem wir wünschen, dass es unsere Kinder leben.
Am Einfachsten? Ganz bewusst hebe ich dies hervor, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer dieses Vorleben für einen Erwachsenen ist, der mit einer solchen Macht-Sprache aufgewachsen ist - und das sind sicherlich die meisten von uns.

Wenn du über etwas sprichst oder an etwas denkst, das du nicht willst, nimmst du immer ein negatives Gefühl wahr - Wut, Enttäuschung, Verlegenheit, Schuld oder Angst. Dir geht es nicht gut, wenn du an etwas denkst, das du nicht willst.
Die Eule Salomon
HICKS, ESTHER & JERRY
„SARA UND DIE EULE“ S. 63

Positive Sprache in (Bilder-)Büchern

In unserem Haushalt achten wir sehr genau darauf, welche Bücher wir meinen Neffen Lutz und Elia vorlesen. Mir fällt kein einziges Buch für das Alter der Beiden (inzwischen 5J. und 2,5J.) ein, in dem Formulierungen, die zu dieser Macht-Sprache gehören, vollständig weggelassen wurden. Selbst in dem von mir (einst in der Originalfassung der Facharbeit) angehängtem Kinderbuch, in dem es explizit um Friedvolle Kommunikation geht, tauchen folgende Worte auf: ...ohne dass sie krank werden muss.
In dem Buch geht es darum, dass Sophie ihr kurzes, rotes Kleid anziehen möchte, doch ihr Vater ist dagegen, denn draußen schneit es. Das Mädchen möchte selbst entscheiden, was es anzieht und der Vater sorgt sich, dass seine Tochter krank wird. Sophie muss nicht krank werden. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass sie krank wird, wenn sie in einem dünnen Sommerkleid im Schnee spielen geht. Wir helfen uns, in dem wir gewöhnlich alle Bücher selbst lesen, ehe wir sie vorlesen, und die ungewünschten Sätze beim Lesen umformulieren.

Positive Sprache in Liedern

Auch in vielen Kinder- und Volksliedern ist die Macht-Sprache oder negative Sprache versteckt. Wir singen mit den Kindern Lieder, in deren Texten vorkommt, was sie nicht tun sollen oder was nicht geschehen soll, anstatt etwas, das gewünscht ist.
Auch solche Lieder reimen wir um. Hier zwei Beispiele:

Brüderchen komm tanz mit mir
Brüderchen komm tanz mit mir,
beide Hände reich ich dir.
Einmal hin, einmal her,
rundherum,
(das ist nicht schwer!) gefällt uns sehr!

Hopp, hopp, hopp
Hopp, hopp, hopp
Pferdchen lauf Galopp!
Über Stück und über Steine,
(aber brich dir nicht die Beine.) bitte lass die Beine heile.
Hopp, hopp, hopp
Pferdchen lauf Galopp!


Friedvolle Kommunikation zur Konfliktlösung


Die folgenden fünf Schritte können helfen, mittels der FVK Konflikte so zu lösen, dass alle Beteiligten zufrieden sind.
1) Ich drücke meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse aus.
2) Ich erkunde die Gefühle und Bedürfnisse aller Beteiligten, unabhängig davon, wie sie sich ausdrücken.
3) Ich überprüfe, ob die Bedürfnisse von allen Seiten so verstanden wurden, wie sie gemeint sind.
4) Ich bringe das Einfühlungsvermögen auf, die die Menschen brauchen, um dann selbst die Bedürfnisse anderer hören zu können.
5) Lösungen und Strategien werden in positiver Handlungssprache benannt.

Ein vollständiges Beispiel zu dieser Form der Konfliktlösung, wird in dem Buch „Sophie und das rote Kleid“ von Vilma Costetti und Monica Rinaldi vorgestellt. In einfachen Worten wird Kindern und Erwachsenen an Hand einer alltäglichen Situation der Umgang mit der Friedvollen Kommunikation gezeigt.

In dieser Reihe sind ebenfalls erschienen:
• „Sophie und das Gewitter“
• „Oskar hüpft auf dem Sofa“
• „Sophies Kuscheltag“
• „Oskars Märchenstunde“
• „Oskar und die Uhr“
• „Oskar, Papa und der Spinat“
• „Oskar am Strand“
• „Oskar, Sophie und die Spielzeugeisenbahn“

Wenn du magst, lies auch den Anfang:

Sonntag, 5. April 2015

Bedürfnisse = Ursachen

Facharbeit zur "Friedvollen Kommunikation" - Teil 4


Wie entstehen eigentlich Gefühle? Warum haben wir ein bestimmtes Gefühl? Als ich eine Anzahl Emotionen auflistete, unterteilte ich diese direkt in erfüllte und unerfüllte Empfindung. Bedürfnisse sind demnach die Ursache aller Emotionen.


Bedürfnisse nach Rosenberg


In seinem Buch „Das können wie klären!“ vermittelt Rosenberg seine Auffassung von Bedürfnissen. Er fasst sie als Ressourcen auf, „die das Leben bereithält, um sich selbst zu erhalten“ (S. 9). Nach seiner Definition verfügen alle Menschen über dieselben Bedürfnisse, unabhängig von Geschlecht, religiösen Überzeugungen, Nationalität oder Bildungsniveau. Sie nehmen keinen Bezug auf spezielle Menschen, die spezifische Dinge tun. Oder, im Sinne der FVK: Sie sind allgemeingültig für alle Menschen in jeder Situation.

Diese Bedürfnisse sind:

Autonomie
· Träume, Ziele und Werte wählen | · Pläne zur Realisiert von Träumen, Zielen und Werten entwickeln

Feiern
· Entstehung des Lebens | · Erfüllung von Träumen | · Verluste feierlich begehen (trauern um geliebte Menschen, Träume, etc.)

Integrität
· Authentizität | · Kreativität | · Sinnhaftigkeit | · Selbstwert

Interdependenz (Soziale Bindungen, Kontakt mit anderen)
· Akzeptanz | · Beitrag zur Bereicherung des Lebens | · Aufrichtigkeit | · Empathie | · Emotionale Sicherheit | · Geborgenheit | · Gemeinschaft | · Liebe | · Nähe | · Respekt | · Rücksicht | · Unterstützung | · Verständnis | · Vertrauen | · Wertschätzung | · Zugehörigkeit

Nahrung für den Körper
· Bewegung, Sport | · Körperliche Nähe | · Luft | · Ruhe | · Schutz vor lebensbedrohenden Lebensformen: Viren, Bakterien, Insekten, (menschliche) Raubtiere | · Sicherheit | · Sexualität | · Nahrung | · Unterkunft | · Wasser

Spiel
· Lachen | · Spaß

Spirituelle Verbundenheit
· Friede | · Harmonie | · Inspiration | · Ordnung (Struktur, Klarheit)


Die Schwierigkeit, Bedürfnisse zu erkennen und zu benennen


Wie Rosenberg habe auch ich die Erfahrung gemacht, dass es vielen Menschen schwer fällt, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Ich erlebte, wie Erwachsene sogar nach einer halben Stunde nachdenken ohne Hilfestellung nicht in der Lage waren, ihr eigenes Bedürfnis zu benennen.
Statt dessen analysierten sie die jeweilige Situation („Sie ist genau wie ihre Mutter. Die quatscht auch immer dazwischen.“), gaben eine Diagnose ab („Er denkt, ich kann nicht den Mund halten.“), Urteilten („Sie ist unruhig.“) oder nannten Handlungsstrategien („Ich möchte, dass du zuhörst.“).
Es ist ein Fortschritt und eine Erleichterung im Miteinander, wenn jemand seine eigenen Bedürfnisse benennen kann. Weit schwieriger ist es, die passenden Bedürfnisse eines anderen zu erkennen. Manchmal sind diese auch schon bei kleinen Kindern ganz klar benannt:

„Ich habe Hunger.“ - „Ich kann das!“ - „Arme!“

Bei diesen drei Beispielen sind die Bedürfnisse (Nahrung für den Körper, Autonomie, soziale Bindungen) leicht zu erkennen. Doch gibt es immer wieder Situationen, in denen ein Mensch in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Art handelt, die nicht sofort erkennen lässt, welches Bedürfnis hinter der Handlung steckt.

Ein Kind wirft sich im Supermarkt auf den Boden und schlägt um sich.
Ein Kind steht mitten in einem Raum, in dem sich Menschen unterhalten, und schreit.
Ein Kind nimmt einem anderem das Spielzeug weg.

Menschen, die in dieser Situation versuchen, eine Ursache zu erkennen, ohne das Verhalten des jeweiligen Kindes zu bewerten, sind bereits auf dem Weg zur FVK. Sie haben den ersten Schritt getan, denn sie beobachten die Szene, ohne zu beurteilen. Ein weiterer Schritt ist nun, das jeweilige Bedürfnis hinter den Handlungen zu erkennen. Zu jeder dieser Situationen kann es jedoch mehrere Bedürfnisse geben. Das passende entdecken wir am einfachsten über die Gefühle. Jemand, der ängstlich ist, sehnt sich z.B. nach Sicherheit. Jemand, der laut aufbegehrt, sehnt sich je nach Situation z.B. nach Autonomie, Bewegung oder Aufmerksamkeit.

Wenn du magst, lies auch den Anfang und den Schluss:


Freitag, 3. April 2015

Kommunikation und Empathie

Facharbeit zur "Friedvollen Kommunikation" - Teil 3


In den letzten Wochen erfuhr ich, dass es Menschen gibt, die mit dem Begriff ‚Kommunikation‘ nichts anzufangen wissen. Das Wort kommt im täglichen Sprachgebrauch dieser Menschen nicht vor. Sie fühlen sich an eine Fach- oder Fremdsprache erinnert.
Tatsächlich fand ich auf der Suche nach einer passenden Definition des Wortes lediglich solche von Kommunikations-Schulungen, wie sie im Bereich der Wirtschaft und Unternehmensführung angeboten werden.
In einer völlig anderen Quelle fand ich überraschend eine Deutung des Wortes, wie sie zur Friedvollen Kommunikation passt:

Lass uns zunächst das Wort reden durch das Wort kommunizieren ersetzen. [...] Wenn wir versuchen, miteinander zu reden [...], werden wir sofort durch die unglaubliche Beschränktheit des Wortes eingeengt. Aus diesem Grund kommuniziere ich nicht nur mit Worten. [...] Meine üblichste Kommunikationsform ist das Gefühl.
Das Gefühl ist die Sprache der Seele. Wenn du wissen willst, was in bezug auf irgend etwas für dich wahr ist, dann achte darauf, was du fühlst. Gefühle sind manchmal schwer auszumachen - und sie anzuerkennen ist oft noch schwieriger. Doch in deinem tiefsten Gefühlen verborgen findet sich deine höchste Wahrheit. [...]
Ich kommuniziere auch über den Gedanken. [...] Bei der Kommunikation über [...] die geistige Vorstellung, die Idee, gebrauche ich oft Metaphern und Bilder. Aus diesem Grund sind Gedanken als Kommunikationsmittel häufig effektiver als bloße Worte.
Ergänzend zu den Gefühlen und Gedanken verwende ich auch als großartiges Kommunikationsmittel das Vehikel der Erfahrung.
Und wenn Gefühle, Gedanken und Erfahrungen sämtlich nichts fruchten, benutze ich schließlich Worte. Worte sind wirklich das am wenigsten effektive Kommunikationsmittel. Sie lassen sich leicht mißdeuten, werden oft falsch verstanden. [...] Sie sind nichts weiter als Äußerungen: Geräusche, die für Gefühle, Gedanken und Erfahrungen stehen. Sie sind Symbole, Zeichen, Erkennungszeichen.
WALSCH, NEALE DONALD „GESPRÄCHE MIT GOTT - EIN UNGEWÖHNLICHER DIALOG - BAND 1“ S. 20F.


Empathische Kommunikation mit Neugeborenen


Die Erläuterung nach Walsch, die dem Autor, laut seiner Aussage, von Gott in den Mund (oder in die den Stift führende Hand) gelegt wurde, könnte ebenso gut von jedem Neugeborenem auf dieser Welt stammen. Ein Baby (so wie jeder Mensch) kommuniziert zu jeder Zeit mit seiner Umwelt. Zusammen mit meinem Neffen Elia, der in der Zeit zur Welt kam, als ich mir Gedanken über das Thema der Fachklausur machte, erfuhr ich (von neuem?) was es bedeutet, auf die beschriebene Weise zu kommunizieren.
Da er sich noch nicht mit Worten verständigen kann, achte ich besonders darauf, was Elia fühlt. Ich beobachte seine Mimik und zunehmend auch seine Haltung und seine Gesten. Wenn ich mich bewusst mit ihm beschäftige, erkenne ich Elias Bedürfnisse, bevor er sie eindeutig durch Mimik, Gestik oder Geräusche ausdrückt. Wenn er sich mit mir in einem Raum befindet und unruhig wird, kann das viel bedeuten.
„Ich habe Hunger.“ - „Ich brauche Nähe.“ - „Ich möchte schlafen.“ - „Ich muss Pipi.“
Es klappt nicht jedes Mal, doch immer öfter nehme ich Elia auf den Arm und er jauchzt und lächelt. Oder ich beginne ein Schlaflied zu summen, worauf er ruhiger wird. Oder ich frage seine Mutter Beate (ohne zu wissen, wann Elia zuletzt gestillt wurde), ob er hungrig sein könnte, während sie selbst bereits ihre Beschäftigung beendet, um ihren Sohn zu stillen.

Ich bin sicher, solche und ähnliche Erfahrungen können alle Menschen berichten, die mit einem Säugling zusammen leben und sich auf das Kind einstellen - gleich ob es Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Paten oder Pflegeeltern sind.
Hier wirkt deutlich sichtbar Empathie zwischen Neugeborenem und Erwachsenem. Doch scheint diese nicht mehr zu funktionieren, wenn das Kind älter wird und beginnt, Worte zu benutzen.


Gefühle erkennen und benennen


Ich ging 21 Jahre lang zur Schule bzw. zur Universität und ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals jemand gefragt hätte, wie ich mich fühle oder was ich brauche. Stattdessen lehrten sie mich Dinge wie ‚richtig‘ und ‚falsch‘, ‚gut‘ und ‚schlecht‘, um in ein System zu passen, das Menschen anhand dieser Standards bewertet.
Marschall B. Rosenberg - Entdecker der Gewaltfreien Kommunikation
GASCHLER, FRANK & GUNDI
„ICH WILL VERSTEHEN, WAS DU WIRKLICH BRAUCHST“ S. 9

Eines der grundlegenden Bedürfnisse eines jeden Menschen ist der Wunsch nach Verständnis. Wir können jedoch nur für jemanden Verständnis ausdrücken, wenn wir seine Gefühle begreifen und auch nennen können.
Vielen, insbesondere jungen Menschen fehlt oft das Vokabular um das auszudrücken, was sie selbst oder andere fühlen. Daher ist es sinnvoll, wenn vor allem ich, als Tagesmutter, meine Gefühle gegenüber den Kindern klar benenne.

Wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden, können folgende Gefühle auftreten:
angespannt, ängstlich, bekümmert, besorgt, einsam, entmutigt, enttäuscht, erschöpft, frustriert, gereizt, hilflos, hoffnungslos, lustlos, neidisch, nervös, ratlos, traurig, überlastet, unbehaglich, ungeduldig, unruhig, verärgert, verlegen, widerwillig, wütend

Wenn Bedürfnisse erfüllt werden, können folgende Gefühle auftreten:
angeregt, bewegt, begeistert, dankbar, energiegeladen, erfreut, erfüllt, erleichtert, erstaunt, fasziniert, frei, fröhlich, geborgen, gelassen, gerührt, hoffnungsvoll, inspiriert, lebendig, locker, motiviert, mutig, optimistisch, satt, selig, sicher, stolz, verliebt, vertrauensvoll, wohl, zufrieden, zuversichtlich


Das Thema „Emotionen“ während er Tagespflege


Neben alltäglichen Situationen, in denen Gefühle ganz bewusst genannt werden, gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, Kinder spielerisch für Emotionen zu sensibilisieren und ihr Vokabular zu erweitern. Bilderbücher, Bastelaktionen, Spiele, Gedichte und Lieder können dabei auf einander aufbauen und zusammen mit den Kindern erfunden werden.


Bilderbücher zum Thema „Emotionen“

In vielen Bilderbüchern sind die Gefühle der Figuren deutlich gezeichnet. Dies kann zu Gesprächen anregen. „Wie würdest du dich in dieser Situation fühlen? Warst du schon mal traurig / wütend / glücklich / etc.? Was ist da passiert?“ Zusätzlich gibt es Bücher direkt zum Thema, wie z.B. „Ich und meine Gefühle“ (Kreul, Holde).

Basteln und spielen zum Thema „Emotionen“

Karten, auf denen Gefühle bildlich dargestellt werden, können gerade bei kleinen Kindern hilfreich sein. Die Kinder können z.B. fotografiert werden, wenn sie Gefühle pantomimisch darstellen.
Die Fotos können, in verschiedenen Größen ausgedruckt, auch gleich für unterschiedliche Spiele genutzt werden, die die Kinder alle selber basteln können (z.B. Memory, Domino, Puzzle).
Ein Gefühlsbarometer oder Gefühlsmasken können gebastelt werden.
Auch auf Luftballons lassen sich (z.B. mit Fingerfarben) Gesichter malen, die Gefühle darstellen.
Neben den bereits genannten Spielen rund um die Gefühlskarten, regen alle Materialien auch zum Rollenspiel an. Im Rollenspiel, gerne auch mit Puppen und Stofftieren als Unterstützung, lassen sich viele Szenen rund ums Thema darstellen.
Bei dem Spiel „Gefühlspantomime“ stellt ein Kind mit dem ganzen Körper mimisch ein Gefühl dar, das die anderen Kinder erraten.
Auch mit einzelnen Körperteilen lassen sich Gefühle darstellen. „Sei doch mal nur mit dem Fuß / mit der Hand / mit dem Gesicht wütend / traurig / albern etc.“

Lieder und Musik zum Thema „Emotionen“


Das Lied von den Gefühlen
1. Wenn ich glücklich bin, weißt du was?
Ja, dann hüpf ich wie ein Laubfrosch durch das Gras.
Solche Sachen kommen mir so in den Sinn,
wenn ich glücklich bin, glücklich bin.
2. Wenn ich wütend bin, sag ich dir,
dann stampf und brüll ich wie ein Stier.
Solche Sachen kommen mir so in den Sinn,
wenn ich wütend bin, wütend bin.
3. Wenn ich albern bin, fällt mir ein,
ja dann quiek ich manchmal wie ein kleines Schwein.
Solche Sachen kommen mir so in den Sinn,
wenn ich albern bin, albern bin.
4. Wenn ich traurig bin, stell dir vor,
ja, dann heul ich wie ein Hofhund vor dem Tor.
Solche Sachen kommen mir so in den Sinn,
wenn ich traurig bin, traurig bin.
5. Wenn ich fröhlich bin, hör mal zu,
ja dann pfeif ich wie ein bunter Kakadu.
Solche Sachen kommen mir so in den Sinn,
wenn ich fröhlich bin, fröhlich bin.
(Verfasser: unbekannt | Quelle: www.kramundkrempel.de (auf YouTube zum anhören))

Einmal so und einmal so
1. Manchmal möcht ich ganz laut singen
und in alle Pfützen springen,
jeden grüßen, den ich seh,
tanzen, wo ich geh und steh.
Manchmal möcht ich mich verstecken,
irgendwo in dunklen Ecken,
niemand sehn und niemand hörn,
Das Thema „Emotionen“ während er Tagespflege - 11 -
und dann darf kein Mensch mich störn.
Ref.: Einmal so und einmal so,
heute traurig, morgen froh,
Rumpelstilzchen, Pechmarie –
wie es kommt, das weiß man nie.
Einmal so und einmal so
heute traurig, morgen froh,
doch auch aus dem tiefsten Tal
geht es aufwärts allemal.
2. Manchmal möcht ich nur noch lachen,
ganz verrückte Sachen machen,
singen ohne Unterlaß,
alles ist ein Riesenspaß.
Manchmal möcht ich ständig meckern,
alle Welt mit Senf bekleckern,
voller Ärger könnt ich schrein:
„Laßt mich alle mal allein!“
Ref.: ...

(Text: Mathias R. Schmidt | Musik: Stephen Janetzko | Verlag: © Edition SEEBÄRMusik Stephen Janetzko | Web: www.kinderlieder-und-mehr.de)

Dies sind nur ein paar Beispiele an Liedern zum Thema „Emotionen“. Interessant kann es sein, weitere Strophen oder neue Lieder zu Gefühlen zu erfinden.
Falls Musikinstrumente vorhanden sind, eigenen auch diese sich wunderbar, Gefühle darzustellen.

Wenn du magst, lies auch den Anfang und den Schluss:


Donnerstag, 2. April 2015

Was ist Friedvolle Kommunikation?

Facharbeit zur "Friedvollen Kommunikation" - Teil 2


Friedvolle Kommunikation (FVK) ist nicht einfach eine Gesprächstechnik um einen Streit zu lösen. Sie kann dazu genutzt werden (Rosenberg beendete sogar Kriege mittels der Gewaltfreien Kommunikation (GFK)), beinhaltet jedoch viel mehr. Für mich ist die Gewaltfreie Kommunikation (die ich ganz bewusst Friedvolle Kommunikation nenne) eine Lebenseinstellung und meine innere Haltung.

In unserer Gesellschaft erleben wir täglich Machtspiele. Jemand übt Macht über einen anderen aus; Eltern über ihre Kinder, Lehrer/innen über ihre Schüler/innen, Chefs über ihre Mitarbeiter, etc.
Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass auch Belohnungen zu diesen Machtstrukturen gehören. Die Aussage „Wenn du dein Zimmer aufräumst, darfst du heute Fern sehen.“ ist ebenso eine Form der Machtausübung wie die Worte „Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, hast du heute Fernsehverbot.“.
Bei der FVK geht es darum, Macht mit anderen Menschen zu teilen. Es ist eine Macht, die auf wechselseitiges Vertrauen und Respekt aufbaut. Wenn zwei Personen das Gefühl haben, das sie sich gegenseitig respektieren und vertrauen können, sind sie bereit, einander zu hören und voneinander zu lernen.
Diese Art von Macht mit Menschen erhalten wir, wenn wir lernen, unsere Gefühle und Bedürfnisse offen zu benennen, ohne dabei andere Personen auf irgendeine Weise zu kritisieren.

"Ich muss gar nix - ich kann mich entscheiden!
Und außerdem bin ich ein Mensch!"
Elia Gaschler (3,5 J.) zu ihrer Erzieherin im Kindergarten.
GASCHLER, FRANK & GUNDI
„ICH WILL VERSTEHEN, WAS DU WIRKLICH BRAUCHST“ S. 11

Ein wichtiger Aspekt ist, dass wir aufhören, von anderen zu erwarten, dass sie etwas tun sollen oder müssen - insbesondere Erwachsene gegenüber Kindern. Wann immer wir zu jemanden sagen „Ich will, dass du....“, „Du musst...“ oder „Du sollst...“, stellen wir uns über diesen Menschen. Wir erwarten, dass diese Person etwas tut und lassen ihr keine Möglichkeit, selbst zu entscheiden.

Wie oft höre ich einen Erwachsenen sagen:

„Iss bitte deinen Teller leer.“
„Zieh die Schuhe aus.“
„Sei nicht so laut!“

Ob mit oder ohne Zauberwort, es bleibt eine Erwartung, die keine eigene Entscheidung des Kindes zulässt. Eine Bitte ist nur eine Bitte, wenn sie auch ein ‚Nein‘ zugesteht.
Im letzten Beispiel wird sogar etwas ausgedrückt, dass wir nicht wünschen. Dies umzusetzen ist für ein Kind besonders schwer, denn wenn wir etwas ausdrücken, was wir nicht möchten, werden nicht das erreichen, was wir wollen.
Es ist hilfreich, wenn wir uns wieder bewusst werden, dass Kinder Menschen sind und die selben Bedürfnisse haben, wie ein Erwachsener. Autonomie ist ein starkes Bedürfnis, das alle Menschen teilen. Wir alle möchten in der Lage sein, etwas zu tun, weil wir es selbst gewählt haben, und nicht, weil es jemand anderes verlangt.

Beschützende Macht


„Aber manchmal muss man doch einfach etwas tun!“

Diese Worte höre ich immer wieder, wenn ich meinen Mitmenschen das Konzept der Friedvollen Kommunikation erkläre. Doch muss man das wirklich?
Mir fällt nur ein einziger Grund ein - zu jeder Situation, die mir bisher genannt wurde - in der jemand etwas tun muss. Immer handelt es sich dabei um die Ausübung der beschützenden Macht, mit der unmittelbar ein Bedürfnis erfüllt wird, bei dem ein Mensch sich selbst oder einen anderen beschützt.
Im Folgenden stehen ein paar Beispiele von Argumenten, die ich hörte, der dazu gehörige Wunsch nach Schutz und mögliche Bedürfnisse, die befriedigt werden:

"Wenn ich hunger habe, muss ich essen."
ALEXANDER, 32 JAHRE
Schutz vor Schmerzen und Tod - Bedürfnisse: Nahrung, Sicherheit.

"Wenn ich Pipi muss, muss ich zur Toilette."
JOANA, 6 JAHRE
Schutz vor der Reaktion anderer - Bedürfnisse: Akzeptanz, emotionale Sicherheit

"Wenn mein Kind auf eine viel befahrene Straße zu läuft,
muss ich es zurückhalten."
CHRISTIANE, 32 JAHRE
Schutz vor Verletzung und Tod eines anderen - Bedürfnisse: Sicherheit, Schutz vor
lebensbedrohlichen Situationen

Eltern mag es mitunter schwer fallen, ihre Bedürfnisse nach Sicherheit und Schutz im Umgang mit ihren Kindern zurückstellen, wenn es um die Bedürfnisse der Kinder nach Autonomie und Bewegung geht. Hier ist stets abzuwägen, ob sie tatsächlich noch im Sinne der beschützenden Macht handeln.

Der passende Begriff für das Konzept


In ihrem Buch „Ich will verstehen, was du wirklich brauchst“ erklären die Autoren
Frank und Gundi Gaschler folgende Situation (S. 27):

Der Begriff Gewaltfreie Kommunikation stößt immer wieder auf Ablehnung und Kritik, da er zu implizieren scheint, das wir alle ‚gewalttätig‘ seien. Leider steht ‚gewaltfrei‘ auch im direkten Widerspruch zu dem, was die Gewaltfreie Kommunikation lehrt, nämlich zu benennen, was wir wollen, anstatt zu sagen, was wir nicht wollen. Aus diesem Grund bezeichnet Marshall Rosenberg die Art, sich in dieser Weise auszudrücken, lieber als ‚eine lebensbereichernde Sprache‘, ‚eine Sprache des Herzens‘ oder ‚Giraffensprache‘. Wie das aber bei vielen Dingen so ist, bleibt auch hier der Name bestehen, der ursprünglich gefunden wurde, eben Gewaltfreie Kommunikation. Der Begriff ist inzwischen durch die Vielzahl der Buchveröffentlichungen weltweit etabliert und bekannt.

Da ich zunehmend das lebe und ausdrücke, was ich erleben möchte, nenne ich auch diese Form des ‚sich mitteilens‘ so, wie ich es erleben möchte: Friedvolle Kommunikation (FVK).

Wenn du magst, lies auch den Anfang und den Schluss:


Mittwoch, 1. April 2015

Friedvolle Kommunikation von Anfang an

Facharbeit zur "Friedvollen Kommunikation" - Teil 1


Vor einigen Wochen fragte mich die Autorin Birgit Butz, ob ich Lust hätte, für ihren Newsletter rund um Kindergebärden einen kleinen Artikel zum Thema "Kindergebärden & Friedvolle Kommunikation" zu schreiben. Liebend gern, denn erste Gedanken diese beiden Themen zu verbinden, wachsen schon seit längerer Zeit in mir. Nur ist das Thema "Friedvolle Kommunikation" derart komplex, detailreich und vielschichtig, dass es unmöglich in einem kleinen Artikel derart abgehandelt werden kann, dass bisher Ahnungslose viel damit anfangen können. Es wäre ein Impuls, aus dem jeder seine eigenen Idee weiter spinnen kann. Doch wie schnell geht ein solcher Impuls im Alltag unter?
Mir fiel die Facharbeit ein, die ich im Rahmen meiner Qualifizierung zur Tagesmutter geschrieben hatte. Seit über zwei Jahren die Daten-Version auf meinem Rechner. Die Druckversion überließ ich meiner Referentin zur Ansicht bei weiteren Kursen zum Thema. Diese Facharbeit möchte ich nun veröffentlichen und allen Interessierten einen klein wenig mehr als einen Impuls anbieten. Da ich den quantitativen Rahmen des erlaubten voll ausnutzte, erachte ich sie als zu lang, sie in einem Stück zu lesen und den Inhalt zur Gänze zu verinnerlichen. Daher werde ich sie hier in einzelnen Teilen veröffentlichen und dabei die Gelegenheit nutzen, meinen Text von damals bei Bedarf mit heutigen Erkenntnissen zu ergänzen.

Der "Entdecker" der Gewaltfreien Kommunikation

Dr. Ph. D. Marshall B. Rosenberg, der in einem brodelnden Viertel in Detroit aufwuchs, entwickelte ein intensives Interesse an einer friedlichen Kommunikationsform als Alternative zu der Gewalt, die er in seiner Jugend kennen lernte. Er promovierte im Jahr 1961 an der University of Wisconsin zum Doktor der Psychologie. Dank weiterer Lebenserfahrungen und seinem Studium in vergleichender Religionswissenschaft entwickelte er den Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation (GFK).
Das Center for Nonviolent Communication (CNVC), das er 1984 gründete, hat sich seit dem zu einer internationalen gemeinnützigen Organisation mit über hundert Trainer/innen entwickelt, die in Nord- und Südamerika, Europa, Asien, dem Mittleren Osten und Afrika Trainings anbieten.
(Quelle: ROSENBERG, MARSHALL B. „Das können wir klären!“ | Junfermann Verlag | 2. Auflage
2007 | ISBN 978-3-87387-568-5)


Friedvolle Kommunikation und ich

Schon bevor ich anfing, an dieser Fachklausur zu schreiben, beschäftigte ich mich mit dem Thema „Friedvolle Kommunikation“ und setze sie zunehmend in meinem Alltag ein.
Während ich an der Klausur schreibe, bin ich als pädagogische Fachkraft in der Grundschule Ottenstein tätig, wo ich Kinder im Alter von 6-10 Jahren betreue. Das geforderte Praktikum leiste ich im Kinderhaus Ottenstein, wo ich die Fachkräfte bei der Betreuung von Kindern im Alter von 3-12 Jahren betreue. Zuhause habe ich engen Kontakt mit meinen beiden Neffen Lutz (im Zeitraum 2,9-3 Jahre) und Elia (im Zeitraum 0-4 Monate).
Mit all diesen Kindern setze ich diese Art zu sprechen nicht nur bei Konflikten, sondern zunehmend auch im Alltag ein. Hilfreich ist für mich immer wieder ein Zitat des Entdeckers:

Alles, was es wert ist, getan zu werden,
ist es auch wert, unvollkommen getan zu werden.
Marschall B. Rosenberg - Entdecker der Gewaltfreien Kommunikation
GASCHLER, FRANK & GUNDI
„ICH WILL VERSTEHEN, WAS DU WIRKLICH BRAUCHST“ S. 80

Wenn du magst, lies auch den Schluss:




Donnerstag, 27. November 2014

Von der Kraft, die Hand zu senken und aufzustehen

In den letzten beiden Wochen las ich gleich drei Blog-Artikel zum Thema "Gewalt gegen Kinder". Angefangen hat es in dem Blog Geborgen Wachsen mit einem Aufruf gegen Gewalt gegen Kinder. Weiter ging es in dem Blog Wunschkind - Herzkind - Nervkind mit der Aktion: Kinder sind unschlagbar. Vor wenigen Minuten las ich den Eintrag Es hat dir nicht geschadet in der Jazzlounge.

Von meinen Taten und Nicht-Taten


Mir wird bei diesem Thema das Herz eng. Ich fühle regelrecht, wie sich etwas um mein Herz legt und mir kalt wird. Es sind keine Erinnerungen aus meiner Kindheit, die dies hervor rufen. Es sind meine Taten - und vor allem meine Nicht-Taten.

Während ich noch darüber nachdenke, kommen mir diese Worte in den Sinn: Mit dem Schlagen von Kindern aufzuhören, ist eine ebenso große Herausforderung, wie mit dem Rauchen aufzuhören. Was mich persönlich betrifft, ist die Herausforderung sogar größer. Ich rauche seit etwa sieben Jahren nicht mehr. Wann habe ich das letzte Mal einem Kind einen Klaps gegeben?

Wie kommt es überhaupt dazu?

Ich kann nur von mir persönlich,  meinen eigenen Taten und Nicht-Taten erzählen. Wie komme ich dazu, einem Kind einen Klaps zu geben? (Das Wort "schlagen" möchte ich noch nicht einmal denken, und doch ist auch ein Klaps ein Schlag!)
Ich bin überfordert. Es mag angestauter Stress des Tages sein, Wut über irgendetwas oder irgendjemanden und - oder auch einzig - ein unfolgsames, vielleicht zusätzlich quängelndes Kind. Wer kann sich von so etwas freisprechen? Kannst du es? Wirklich? Dann bewahre es dir.

Ich erinnere mich sehr genau an die Situation, als ich das letzte Mal einem Kind einen Klaps gegeben habe. Es fällt mir dagegen nicht mehr ein - und dafür bin ich sehr dankbar - wann diese Situation war. Es ist schon eine ganze Weile her und es war tatsächlich das letzte Mal.
Danach gab es noch häufig Situationen, in denen ich die Hand erhoben hatte. Ich hatte meine große Hand gegen ein kleines Kind erhoben im Begriff zuzuschlagen (Irgendwie klingt "einen Klaps geben" wesentlich harmloser.) und habe es nicht getan. Ich hatte rechtzeitig bemerkt, was ich zu tun im Begriff war. Ich glaube, ich habe in diesem Moment jedes Mal die Hand sinken lassen und das Kind umarmt - ganz gleich, was die Situation ausgelöst hatte, womit das Kind meine Ohnmacht hervorgerufen hatte. Ich hatte sie in diesem Moment überwunden und war voll Dankbarkeit. Auch eine solche Begebenheit ist bereits eine kleine Weile her. Darüber bin ich sehr froh und dankbar.

Weil Kinder weniger Mensch sind, als Erwachsene?

Ich bin eine erwachsene Frau. Ich habe 34 Jahre Lebenserfahrung gesammelt. Zu einigen Themen habe ich einen sehr hohen Anspruch an mich selbst und dazu gehört, dass ich nicht schlage.
Ich käme niemals auf die Idee, einen anderen erwachsenen Menschen zu schlagen, gleich wie beschissen mein Tag war oder wie sehr diese Person mir auf die Nerven gehen mag. Es gibt etliche Situationen und Menschen, bei denen ich dieses Bedürfnis Verlangen mitunter habe - doch setze ich es nicht in die Tat um.
Warum tat ich es bei kleinen Kindern? Warum tun es so viele Erwachsene bei Kindern?
Der Grund mag in den Erfahrungen eines jeden schlagenden Menschen liegen, doch in der unmittelbaren Situation gibt es meines Erachtens nur einen einzigen Grund. Der Erwachsene hat sich auf den geistigen und emotionalen Stand eines Kindes zurückentwickelt.

Weil ich im Innern ein Kind bin?

Ich habe beobachtet, dass Kinder schlagen und schubsen. Auch in Haushalten, in denen Kinder keine körperliche Gewalt erfahren, schlagen und schubsen sie andere Kinder häufig, noch ehe sie ihren ersten Geburtstag gefeiert haben. Schlagen ist ein Ausdruck von Ohnmacht. Und grade Kleinstkinder, die sich noch nicht verbal mitteilen können, entdecken das Schlagen für sich als ein Instrument des Sich-Mitteilens. Wenn sie damit erfolgreich sind, setzten sie dieses Instrument immer wieder ein - logisch.
Die Kinder, für die ich verantwortlich bin, halte ich von Anfang an dazu an, andere Wege, als körperliche Gewalt zu entdecken. Ich lebe sie ihnen vor. Ich stoppe sie in ihrem Tun, erkläre ihnen andere Möglichkeiten und lebe sie immer wieder vor. Es funktioniert - auch schon bei den ganz Kleinen! Selbst, wenn sie noch nicht mehr als ein paar Worte verbal sprechen können! Ich erlebe es!
Wenn Kinder unter 3 Jahren andere Konfliktlösungen für sich entdecken können, sind sie in dem Moment, in dem ich schlage, reifer und weiter entwickelt als ich. Und weil ich an mich selbst den Anspruch habe, älter als 3 Jahre zu sein (Es sei denn ich erfreue mich an den Wundern der Natur!), habe auch ich andere Lösungen zu finden.

So viel zu mir und meinen Taten. Was ist nun mit meinen Nicht-Taten?
Was meine ich mit dieser Wortschöpfung?
Ich schreite wirklich nahezu jedes Mal ein, wenn ich beobachte, wie Kinder anderen Kindern körperliche Gewalt antun. Wann schreite ich ein, wenn Erwachsene Kindern körperliche Gewalt antun? Ich tue es - doch viel zu selten. Dies sind meine Nicht-Taten.

Der "kleine Klaps" gehört zum Alltag

Vor einer Weile saß ich in einer Runde mit anderen Frauen beim Abendessen. Wie das bei so einer Frauenrunde nun mal ist, wird über alles Mögliche gequatscht - natürlich auch über (die eigenen) Kinder und deren Erziehung.
Ich war erschrocken, wie selbstverständlich immer wieder angedeutet oder sogar klar ausgesprochen wurde, dass diese Frauen Kinder geschlagen hatten. Die Taten wurden sogar in witzige Anekdoten verpackt. Wie abgestumpft sind wir - gerade wir Frauen und Mütter?!
Ich war entsetzt. Und was habe ich gesagt? Nichts. Nicht ein Wort. Ganz im Gegenteil, ich habe über die Anekdoten gelacht. Was mir im Kopf herum ging, was ich für mich reflektierte, habe ich nicht ausgesprochen.

Ich habe, weil es hat!

Ich hatte einst mitbekommen, wie ein Kind sein Geschwisterchen, das zwei Köpfe kleiner war, so grob schubste, dass es bäuchlings über den Boden rutschte. Ein Elternteil, dass dies sah, schubste daraufhin das Kind mit dem selben Ergebnis. Ich schreibe dies als Beobachtung, wertfrei, denn ich war einst in einer ähnlichen Situation und handelte ebenso.
Und doch ist dies in meinen Augen und aus heutiger Sicht etwas völlig anderes, als wenn ich ein Kleinkind zwicke oder an den Haaren zupfe, um ihm zu zeigen, dass kneifen, beißen und an den Haaren zu ziehen unangenehm bis schmerzhaft ist. Irgendwo hört meiner Meinung nach die Verhältnismäßigkeit auf.
Ich bin eine erwachsene Frau und kein Kind. Wenn ein Kind sein jüngeres Geschwisterchen derart behandelt, habe ich noch lange kein Recht, das kleine Kind ebenfalls so zu behandeln. Ich habe andere Lösungen zu finden - und dazu gehört auch die Lösung, dem Kind auf eine andere Weise zu vermitteln, was es in seinem Geschwisterchen ausgelöst hat. Vor allem gehört dazu, dem Kind einen anderen Weg vorzuleben.

Ein Krieg hat noch keinen Frieden gebracht und ein Klaps kein freundliches Wort

Ich sah einst, wie ein Kind in seiner Wut einem Elternteil eine Beleidigung an den Kopf warf. Das andere Elternteil hatte dies gehört. Es stellte das Kind zur Rede. Dieses floh in eine Lüge. Und schon saß der Klaps. Ich war dabei und schwieg.
Ob der Klaps nun wegen der Lüge oder wegen des Schimpfwortes folgte, ist vollkommen irrelevant. Es fällt mir schwer, in dem schlagenden Elternteil, das Sekunden zuvor lediglich ein Beobachter gewesen war, die Ohnmacht zu sehen, die ich oft in mir selbst spürte. Meines erachtens war dieser Klaps eine Strafe. Und ich habe geschwiegen.

Wenn ich nicht tue, was ich sage... - und wenn doch?

Die Androhung von Gewalt (selbst wenn nicht die Absicht besteht, sie auszuführen) erachte ich als ebenso dramatisch. Wie oft höre ich den Satz: "Wenn du nicht..., dann gibt es was auf den Po." (Oder ähnlich.) Selbst von Kindern habe ich ihn schon gehört! Und wie oft sage ich etwas dazu?
Eine solche Drohung ist gleich doppelt unsinnig. Setze ich sie, nachdem alle Worte nicht zu dem von mir gewünschten Ergebnis führten, in die Tat um, schlage ich, entwickel mich damit selbst auf den Stand eines Kindes zurück. Von dem, was dies in dem Kind auslöst und mit der Bindung des Kindes zum Erwachsenen anstellt, gar nicht erst zu reden.
Ist diese Ankündigung nur ein leeres Versprechen, lernt das Kind, dass ich nicht umsetze, was ich sage. Wenn ich schon meinem eigenen Wort nicht folge, warum sollte es dann ein Kind tun?

Einst war ich dabei, als ein Elternteil, dass von einem Kind während des Einkaufens genervt war, sagte: "Wenn du jetzt nicht ruhig bist, stecke ich dich in diese Gefriertruhe und gehe nach Hause."
Ich war entsetzt - und ich schwieg. Obwohl diese Erinnerung bereits einige Jahre alt ist, bin ich von ihr noch geschockt. Was löst eine solche Aussage in einem kleinen Kind aus?

Wie viel Kraft und welche Energie steckt wirklich in mir?

Warum kostet es einen Erwachsenen so viel Kraft, nicht die Hand zu erheben? Warum braucht es so unendlich viel mehr Kraft, Mut aufzubringen und aufzustehen, wenn ein Kind geschlagen wird?
Was mich persönlich betrifft, werde ich die Antwort nicht hier ausbreiten. Es reicht, wenn ich die Gründe kenne, denn damit kann ich bei mir selbst etwas bewirken.
Als viel wichtiger sehe ich, dass ein jeder diese Fragen selbst beantwortet, für sich. Wenn der Grund gefunden ist, kommt zunehmend auch die Energie, in der einen Situation die Hand zu senken und in der anderen aufzustehen.

Warum ist mir das wichtig?

Wie kann ich mir wünschen, dass ich niemals am eigenen Leib einen Krieg erleben werde, wenn ich Gewalt in Kindern säe oder zuschaue, wie andere dies tun?
Ich möchte sehen, das Menschen Konflikte lösen, ohne jemanden körperlich zu verletzen. Da ich der festen Überzeugung bin, dass ich nur erlebe, was ich auch vorlebe, liegt es mir, genau dies in die Tat umzusetzen. Ich habe noch nicht den Mut jedes Mal aufzustehen. Aber ich habe den Mut, meine Gedanken nieder zu schreiben und zu teilen.

Namasté

Donnerstag, 6. November 2014

Jeder Funke kann ein Leuchtfeuer auslösen

Vor einigen Monaten überlegte ich, wie ich mein vorrangiges Ziel, meine Erkenntnisse weiterzugeben, damit andere sich ein Bild machen können, näher kommen kann. Bis zu diesem Zeitpunkt nutzte ich dazu in erster Linie Facebook, indem ich Informationen, die mich inspirieren, teile, manchmal auch kommentiere. Allerdings beschäftigen sich viele meiner Kontakte mit ähnlichen oder denselben Themen, für die ich mich begeistere. Welchen Sinn macht es, so überlegte ich, Hinweise stets in einem Kreis weiterzuleiten, der ohnehin aus aufgeschlossenen, begreifenden, erwachenden Menschen besteht? Jene, die ich tatsächlich erreichen wollte, Verwandte und enge Freunde, erreichte ich nicht über dieses Medium.

Und doch wurde ich vor einer Weile überrascht, als mich die Mutter eines ehemaligen Tageskindes anschrieb. Ich hatte sie erst kurz zuvor meiner Kontakt-Liste hinzugefügt. Sie zeigte sich an einigen Dingen, die ich weitergab, interessiert und lud mich spontan zum Abendessen ein. Es folgte ein interessantes Gespräch, dem weitere folgen werden.
Für mich war es ein Zeichen, dass ich über Facebook durchaus etwas bewirken kann. Wie viele mögen sich von den Artikeln, Zitaten und Bildern, die ich weitergebe, inspiriert fühlen, ohne mit mir Kontakt aufzunehmen?
Und doch ist es mir zu wenig. Es gibt derzeit etliche, die dem Mainstream folgen, ohne zu hinterfragen. Zahlreiche, die derart oberflächlich leben, dass sie nicht daran denken, auf wessen Kosten sie dieses Dasein führen. Die so genannte kritische Masse ist offenbar noch lange nicht erreicht.

Meine einzige Idee dazu ist, weiterhin Informationen zu teilen - jede Chance zu nutzen. Irgendjemanden werden sie erreichen, genau in der passenden Situation, so dass diese Person die Augen öffnen wird. Sie wird sich fragen: „Was ist das?“ oder „Wie kann das sein?“ Sie wird nachforschen. Und selbst wenn sie nur zu einem Thema alternative Quellen nutzt, ist ein Schritt getan.
Darum beschloss ich vor einigen Monaten, dass ich zunehmend jede mir erdenkliche Möglichkeit nutzen möchte, um Menschen, mit denen ich Kontakt habe, Inspirationen anzubieten.

Wenn ich Bücher versende, lege ich ein Exemplar der Streitschrift von Felix Finkbeiner bei - kostenlos und ungefragt. Auf diese Weise kann ich mir völlig unbekannte Menschen gleich für mehrere Themen sensibilisieren, selbst wenn sie nur aus Neugier einen Blick in das Heftchen werfen.

In meiner Tagespflege komme ich ganz automatisch mit den Eltern und weiteren Verwandten meiner Tageskinder ins Gespräch. Gerne leihe ich Bücher von Marshall Rosenberg aus.

Als Rollenspielerin entschloss ich mich, mein langjähriges Hobby mit anderen Themen, die mich begeistern, zu verbinden. Indem ich in das Leben meiner Charaktere Aspekte dieser Themen einflechte, wecke ich Menschen, die (vielleicht) bisher überhaupt nicht an dieses dachten, das Interesse, nachzuforschen.

Selbstverständlich spreche ich meine Thematiken auch im Alltag an. Am Häufigsten sicher die Problematik, dass immer noch Kinder für (Kinder-)Schokolade als Sklaven arbeiten müssen.

Dies ist mein Weg, Bewusstheit zu schaffen, in dem festen Glauben, dass jeder Funke ein Leuchtfeuer auslösen kann.

Samstag, 4. Januar 2014

Sei achtsam mit mir

Gestern hatte ich eines dieser wunderbaren Erlebnisse mit Lutz (3 Jahre, 11 Monate). Mir erscheint er zur Zeit sehr rabiat und aggressiv - zum einen im Tonfall seinen Mitmenschen gegenüber (gleich ob erwachsende Familienmitglieder oder der kleine Bruder), zum anderen handgreiflich. Insbesondere gegenüber dem kleinen Bruder beobachte ich häufig, wie er haut, schubst und an dem Jüngeren herum zerrt. Mich frustriert es insbesondere, da ich weiß, dass Lutz auch anders handeln kann. In der Tagespflege geht er auch mit jüngeren Kindern freundlicher und lösunsorientiert um. Mir ist auch die Ursache bewusst, aus der Lutz handgreiflich oder verbal aggressiv wird. Er fühlt sich hilflos und hat Angst (z.B. um sein Spielzeug, das der kleine Bruder kaputt machen könnte).

Mit der Absicht, gemeinsam mit ihm einen anderen Lösungsweg zu finden, begann ich das Gespräch mit Lutz und dieser kleine Dialog entstand:
"Was können wir tun, damit du freundlicher zu deinem Bruder bist? Was kann ich tun, wenn du ihn haust oder ihn schubst oder wenn du es tun willst?" - "Achtsam sein." - "Mhmm, und wer kann achtsam sein? Du oder ich?" -  "Du." - "Ich kann achtsamer mit dir sein?" - "Ja, du kannst achtsamer sein." - "Und wenn du deinen Bruder hauen willst, wie hilft es dann, dass ich achtsamer bin?"
Diese Frage konnte Lutz mir nicht beantworten und ich denke, dass ist von einem fast vierjährigen Kind auch viel zu viel erwartet. Die Antwort hatte ich selbst zu finden.

Achtsamer sein.

Bedeutet das, eher einzugreifen? Den Jüngeren rechtzeitig vom Spielzeug des Älteren fern zu halten? Heißt das, bei jedem drohenden Konflikt umgehend da zu sein und mindestens zu beobachten, aufmerksam zu sein?
Ich denke nicht, denn mal abgesehen davon, dass die beiden zu lernen haben, mit Konflikten umzugehen, ist so etwas im Alltag auch absolut unpraktikabel. Die Lösung kam mir ein paar Stunden später im Gespräch zwischen uns Erwachsene.
"Du kannst achtsamer sein", hatte Lutz gesagt - und das nicht auf eine bestimmte Situation bezogen. Trotz meines Bezugs zu einer direkten Konfliktsituation, hatte Lutz dies so nicht verbalisiert. Meine Lösung zu seinen Worten ist ebenso einfach wie herausfordernd: Ich kann generell achtsamer sein. Ich kann das Problem an seiner Wurzel angehen.

Mir ist doch längst bewusst, dass Lutz handgreiflich und laut wird, wenn er sich hilflos und ängstlich fühlt. Und im Grunde kenne ich auch die Bedürfnisse, die dahinter stecken, auch wenn sie je nach Situation ein wenig variieren mögen. Gewöhnlich sind es die Bedürfnisse nach Schutz, Geborgenheit, Gesellschaft, Aufmerksamkeit und Selbstständigkeit.
Wie oft, wenn Lutz laut und wild ist und ich meine Ruhe haben möchte, schicke ich ihn in ein anderes Zimmer, wo er für sich lärmen kann, so viel er will? Aber es geht im gar nicht darum, zu lärmen. Es geht ihn um Gesellschaft und Aufmerksamkeit. Und wenn es am Ende gar Tränen gibt, unter denen Lutz doch ins andere Zimmer geht, habe ich zwar mein Bedürfnis nach Ruhe gestillt, doch was tat ich ihm an? Schürte ich in ihm nicht eher die Angst des verlassen Werdens und des Verlustes? Spürt er diese Angst des Verlustes nicht ebenso, wenn es um sein Spielzeug geht? Und wenn ich nun daran denke, was ich von Gerald Hüther lernte, nämlich, dass diese Form der Angst im Hirn die gleichen Regionen aktiviert, die bei aktiviert werden, wenn man körperliche Gewalt erfährt, ist es dann nicht vollkommen logisch, dass Lutz aggressiv wird?

Wenn ich also möchte, dass Lutz freundlicher mit anderen Menschen und insbesondere mit seinem kleinen Bruder umgeht, dann habe ich daran zu schaffen, dass er diese Gefühle der Verlustangst und des Mangels erst gar nicht derart entwickelt. Es ist an mir, achtsamer zu sein, seine Bedürfnisse zu erkennen und sie zu befriedigen. Und das nicht erst, in der Konfliktsituation, sondern lange, lange vorher und immer wieder aufs Neue.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Gott über Kommunikation

Ich schrieb hier für mich und dich


(21.07.2013)
Als ich damit begann, das Buch "Gespräche mit Gott" zu lesen, begann ich auch bald damit, die für mich wichtigen Textstellen, jene, die ich mir wieder durch den Kopf gehen lassen wollte, abzuschreiben. Damit auch all jene etwas davon haben, die gerade zum passenden Zeitpunkt darauf stoßen, schrieb ich die Zitate in dieses Blog.
Eine Weile später, noch während ich mit dieser ersten Herausforderung beschäftigt war und ehe ich das Buch ganz zu Ende gelesen hatte, begann ich damit, es drittes mal zu lesen. Nun markierte ich die Textstellen, die ich als essentiell und wirklich wichtig für mich empfinde.

Aus dem Buch

(27.12.2012)

ISBN 978-3-442-21786-1
Lass uns zunächst das Wort reden durch das Wort kommunizieren ersetzen. Es ist ein sehr viel besseres, umfassenderes, präziseres Wort. Wenn wir versuchen, miteinander zu reden - ich mit dir, du mit mir -, werden wir sofort durch die unglaubliche Beschränktheit des Wortes eingeengt. Aus diesem Grund kommuniziere ich nicht nur mit Worten. Tatsächlich tue ich das ziemlich selten. Meine üblichste Kommunikationsform ist das Gefühl.
Das Gefühl ist die Sprache der Seele.
Wenn du wissen willst, was in bezug auf irgend etwas für dich wahr ist, dann achte darauf, was du fühlst.
Gefühle sind manchmal schwer auszumachen - und sie anzuerkennen ist oft noch schwieriger. Doch in deinen tiefsten Gefühlen verborgen findet sich deine höchste Wahrheit.
Der Trick dabei ist, daß du an diese Gefühle herankommst.
Ich werde dir zeigen, wie. Und wieder, wenn du das wünscht.
aus: "Gespräche mit Gott - Ein ungewöhnlicher Dialog - Band 1" Seite 20

Ich kommuniziere auch über den Gedanken. Gedanken und Gefühle sind nicht das gleiche, obwohl beide zur selben Zeit auftreten können. Bei der Kommunikation über den Gedanken, die geistige Vorstellung, die Idee, gebrauche ich oft Metaphern und Bilder. Aus diesem Grund sind Gedanken als Kommunikationsmittel häufig effektiver als bloße Worte. Ergänzend zu den Gefühlen und Gedanken verwende ich auch als großartiges Kommunikationsmittel das Vehikel der Erfahrung.
Und wenn Gefühle, Gedanken und Erfahrungen sämtlich nichts fruchten, benutze ich schließlich Worte. Worte sind wirklich das am wenigsten effektive Kommunikationsmittel. Sie lassen sich leicht mißdeuten, werden oft falsch verstanden.
Und warum ist das so? Das liegt am Wesen der Worte. Sie sind nichts weiteres als Äußerungen: Geräusche, die für Gefühle, Gedanken und Erfahrungen stehen. Sie sind Symbole, Zeichen, Erkennungszeichen. Sie sind nicht die Wahrheit. Sie sind wirklich, nicht wahrhaftig.
aus: "Gespräche mit Gott - Ein ungewöhnlicher Dialog - Band 1" Seite 21

(05.01.2013)
Höre auf deine Gefühle, deine erhabensten Gedanken, deine Erfahrung. Wenn sich irgend etwas davon von dem unterscheidet, was die deine Lehrer erzählt haben oder du in Büchern gelesen hast, dann vergiß die Worte. Worte sind die am wenigsten zuverlässigen Wahrheitslieferanten.
aus: "Gespräche mit Gott - Ein ungewöhnlicher Dialog - Band 1" Seite 28

Freitag, 7. September 2012

23.09.2012: 1. Tag der Offenen Tür


Am 23. September findet bei uns in der Glessemühle der erste Tag der Offenen Tür statt. Interessierten Gästen stellen wir uns und unser Projekt vor. Wir zeigen, was wir in den letzten acht Monaten mit wenig Ressourcen erreicht haben.

Besonders freut mich, dass sich bereits zwei Gäste aus Velbert und acht aus Krefeld angemeldet haben. Dazu kommen noch einige Zusagen aus dem Ort.

Die Vorbereitungen für den großen Tag laufen bereits und können bei Facebook verfolgt werden.

Samstag, 25. August 2012

Ein Vormittag, wie jeder sein könnte.

Ich erlebte heute Morgen und Vormittag eine friedvolle (andere Adjektive, die mir einfallen, beschreiben sie einfach nicht treffend) Zeit mit meinem Neffen Lutz. Gemeinsam versorgte wir die Katzen und frühstückten dann zusammen. Anschließend wollte Lutz im Stall mit seinem Dreirad fahren, während ich die Wäsche zum Trocknen aufhängen wollte, wie ich es Beate am Morgen zugesagt hatte. Alle paar Minuten warf ich einen kurzen Blick in Richtung Lutz, der erst vorne ein paar Blümchen goss und dann im Stall in die Pedale trat, bis ich schließlich entdeckte, wie er auf der anderen Seite des Stalls hinaus und auf den hinteren Hof fuhr. Von dort hörten wir beide Stimmen. Nach einem kurzen Wortwechsel hatten Lutz und ich vereinbart, dass wir erst einmal nachschauten, wer da war, und dann jeder von uns mit seinen Tätigkeiten fortfuhr. Gemeinsam begrüßten wir Henning aus dem Dorf, der mit zwei Helfern in der angrenzenden Gerätehalle unseres Nachbarn zutun hatte. Mitten in der Halle stand Hennings Traktor und während wir noch ein wenig zuschauten, kam auch unser Nachbar Kalle mit dem eigenen Trecker an. Traktoren üben auf Lutz in etwa die selbe Anziehungskraft aus, wie die zauberhaften Worte "Eis essen". (Und manchmal ist das Eis sogar weniger Interessant.) Da wir das Gespräch der Männer hörten, blieben wir noch ein wenig, denn Lutz wollte zuschauen, wie Hennings Trecker aus der Halle fuhr. Das der Fahrer auf diesem riesigen Gefährt einen kleinen Jungen leicht übersehen konnte, hat Lutz offenbar begriffen, denn er hielt von ganz allein mehr als ausreichend Abstand. Nachdem wir Henning winkend verabschiedeten, dachte ich, mich wieder der Wäsche widmen zu können. Doch hinter der Halle rangierte Kalle deutlich hörbar mit seinem Trecker und da wollte Lutz zu gerne auch noch zuschauen.
Ich denke, er verstand meinen Wunsch, erst wie zugesagt die Wäsche aufhängen zu wollen, durchaus, und ebenso bemerkte er, dass ich seinen Wunsch ernst nahm. Wir einigten uns, dass Lutz erst noch ein wenig spielte, denn bei mir zu bleiben, dazu hatte er keine Lust. Damit Lutz sich nicht von den Treckergeräuschen ablenken ließ und ich mich sicherer fühlte, ließ ich ihn das automatische Tor schließen.
Bereits nach wenigen Minuten, in denen ich wegen dicker, grauer Wolken beschloss, die bereits hängende Wäsche abzunehmen und alles drinnen aufzuhängen, lief Lutz "Pipi! Pipi! Pipi!", rufend über den Hof. Nachdem dieses Geschäft erfolgreich erledigt war, beschloss Lutz, mir bei der Wäsche zu helfen, indem er mir die Teile anreichte. Anschließend liefen wir zusammen los, um zuzuschauen, wie Nachbar Kalle Strohballen mit dem Trecker verlud.
Wir verabschiedeten ihn winkend und ich überlegte bereits, was ich mir für diesen Tag noch alles zu schaffen vorgenommen hatte und welche Tätigkeiten ich zusammen mit Lutz oder mit ihm in meiner Nähe erledigen konnten. Die Bohnen im Gewächshaus wollte ich noch mit Rhabarber-Tee (gegen Blattläuse) besprühen. Das war genau das passende für Lutz. Allerdings fiel es dem kleinen Mann mitunter schwer, mich trocken zu lassen, hatten wir doch in den vergangenen heißen Tagen alle unseren Spaß, am gegenseitigen nass spritzen. Sowohl die Erklärung, dass es mir heute zu kalt war, um nass gespritzt zu werden, wie auch der Hinweis, dass wir die Sprühflasche wegräumen würden, hielten jeweils nur wenige Minuten. Zwar bat Lutz, die Flasche wiederhaben zu dürfen, nachdem ich sie wegräumte, doch brachte ihn die Aussicht, dass wir gemeinsam etwas anderes machten, schnell von diesem Wunsch ab.
Während ich unseren Knoblauch aus der Erde grub, grub Lutz ein paar Meter weiter Regenwürmer aus, von denen er mir jeden einzelnen zeigte und ihn anschließend wieder in die Erde legte. Danach half er mir, die Ableger der Erdbeeren in Töpfe zu pflanzen, in dem er die Töpfe mit Erde befüllte und sie an mich weiterreichte. Dies funktionierte so lange, bis Kalle mit seinem Trecker und einer neuen Ladung Strohballen an uns vorbei fuhr.
Gerne hätte ich mich weiter um die Erdbeeren gekümmert, doch da Lutz mir die ganze Zeit so wunderbar bei dem geholfen hatte, was ich erledigen wollte, war es für mich vollkommen in Ordnung nun ihm bei dem zu helfen, was er erledigen wollte. Gemeinsam liefen wir dem Trecker also nach und setzten uns mit ausreichend Abstand an den Straßenrand.
Dort fand uns Axel, der mittags nach Hause kam, um seinen Sohn ins Bett zu bringen. Und während Lutz mit seinem Papa kuschelte, freute ich mich, dass ich einiges von dem erledigt hatte, was ich schaffen wollte, und zugleich eine so friedliche Zeit mit meinem Neffen verbrachte.