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Samstag, 18. Juli 2015

Ein Glied in der Kette der Freude

ISBN-13: 978-3-7787-7173-0
„Salomon, warum sind die Leute so gemein?“
Sind denn wirklich alle Menschen gemein, Sara? Das war mir noch gar nicht aufgefallen.
„Na ja, vielleicht nicht alle, aber die meisten schon. Ich verstehe nur nicht, warum. Wenn ich gemein bin, fühle ich mich schrecklich.“
Wann bist du gemein, Sara?
„Meistens, wenn jemand anders zuerst gemein war. Ich glaube, ich werde dann gemein, um es ihm heimzuzahlen.“
Hilft das?
„Ja“, antwortete Sara kleinlaut.
Und wie, Sara? Fühlst du dich besser, wenn du es ihnen heimzahlst? Ändert das etwas oder kannst du dadurch ihre Gemeinheit ungeschehen machen?
„Wahrscheinlich nicht.“
Nach meiner Erfahrung setzt das nur noch mehr Gemeinheit in die Welt. Es ist so, als würdest du ein Glied in der Kette des Schmerzes werden. Erst leiden sie, dann leidest du und dann trägst du dazu bei, dass jemand anders leidet und so weiter.
„Aber wer hat denn mit dieser schrecklichen Kette des Schmerzes angefangen?“
Es spielt eigentlich keine Rolle, wie das alles angefangen hat. Wichtig ist, was du damit machst, wenn sie dich erreicht. Worum geht es hier, Sara? Warum bist du ein Teil der Kette des Schmerzes geworden?
Sara, der speiübel war, erzählte Salomon von Donald, dem Neuen, und von seinem ersten Schultag. Sie sprach von den Angebern, die immer etwas zu finden schienen, mit dem sie Donald aufziehen konnten. Sie erzählte auch von dem Vorfall, der sich gerade erst im Flur abgespielt hatte. Und als sie beim Berichten diese Vorfälle noch einmal durchlebte, spürte sie, wie in ihr wieder die Wut hochkam. Als sich eine Träne aus ihrem Auge stahl und ihr die Wange hinunterlief, wischte sie sie wütend mit dem Ärmel weg. Sara war verstört darüber, dass sie schniefte und schluchzte, statt sich wie sonst angeregt mit Salomon zu unterhalten. So sollte es bei Salomon überhaupt nicht sein.
Die Eule war lange Zeit still, während chaotische Gedanken durch Saras Kopf schossen. Sie spürte, dass Salomon sie aus seinen großen liebevollen Augen beobachtete, aber es war ihr überhaupt nicht peinlich. Fast schien es, als ob Salomon etwas aus ihr herauslocken wollte.
Also, klar ist, was ich nicht will, dachte Sara. Ich möchte mich nicht so fühlen. Besonders dann nicht, wenn ich mit Salomon rede.
Sehr gut, Sara. Du hast gerade ganz bewusst den ersten Schritt gemacht, um die Kette des Schmerzes zu durchbrechen. Du hast ganz bewusst erkannt, was du nicht willst.
„Und das ist gut?“; staunte Sara. „Ich fühle mich aber gar nicht gut!“
Das liegt daran, dass du nur den ersten Schritt gemacht hast, Sara. Es gibt noch drei weitere.
„Was ist der nächste Schritt, Salomon?“
Also, Sara, es ist nicht schwer herauszufinden, was du nicht willst. Stimmst du mir zu?
„Ja, wahrscheinlich schon. Also, meistens weiß ich das schon.“
Woher weißt du, dass du an etwas denkst, das du nicht willst?
„Ich weiß es einfach irgendwie.“
Du weißt es, weil du dann etwas Bestimmtes fühlst, Sara. Wenn du über etwas sprichst oder an etwas denkst, das du nicht willst, nimmst du immer ein negatives Gefühl wahr - Wut, Enttäuschung, Verlegenheit, Schuld oder Angst. Dir geht es nicht gut, wenn du an etwas denkst, das du nicht willst.
Sara dachte an die vergangenen Tage, in denen sie mehr negative Gefühle gehabt hatte als sonst. „Du hast Recht, Salomon“, sagte sie. „Ich habe das in der letzten Woche oft gespürt, wenn ich gesehen habe, wie die fiesen Typen auf Donald herumhacken. Seit ich dir begegnet bin, bin ich so glücklich gewesen. Und dann wurde ich so wütend, weil sie Donald fertig machten. Ich kann jetzt sehen, dass meine Gefühle etwas damit zu tun haben.“
Gut, Sara. Dann wollen wir jetzt über den zweiten Schritt reden. Wenn du weißt, was du nicht willst, sollte es dann nicht einfach sein, herauszufinden, was du willst?„Also...“, begann Sara, die verstehen wollte, aber nicht sicher war, worauf das hinauslief.
Wenn du krank bist, was möchtest du dann?
„Ich möchte gesund werden“, antwortete Sara spontan.
Wenn du nicht genug Geld hast, um dir etwas zu kaufen, das du haben möchtest, was wünscht du dir dann?
„Mehr Geld“, kam die Antwort.
Siehst du, Sara, das ist der zweite Schritt, um die Kette des Schmerzes zu zerbrechen. Schritt eins ist die Erkenntnis dessen, was du nicht willst. Schritt zwei besteht darin, dich zu entscheiden, was du willst.“
„Also, das ist ja einfach.“ Sara ging es allmählich besser.
Der dritte Schritt ist der wichtigste, Sara. Diesen kennen die meisten Menschen nicht. Schritt drei lautet: Sobald du erkannt hast, was du möchtest, musst du es wirklich fühlen. Du musst darüber sprechen, warum du es willst; beschreiben, wie es wäre, es zu haben; es erklären; so zu tun, als ob du es hättest oder dich an etwas Ähnliches erinnern. Auf jeden Fall musst du so lange daran denken, bist du es fühlst. Beschäftige dich so lange mit dem, was du möchtest, bis du ein Gefühl des Wohlbehagens verspürst.Sara traute ihren Ohren nicht. Salomon ermutigte sie doch tatsächlich, ihre Zeit damit zu verbringen, sich Dinge vorzustellen. Deshalb hatte sie ja schon mehr als einmal Ärger gehabt. Es schien, als ob Salomon ihr das genaue Gegenteil von dem erzählte, was ihr die Lehrer in der Schule beizubringen versuchten. Aber sie hatte gelernt, Salomon zu vertrauen. Und sie war auf jeden Fall bereit, etwas Neues auszuprobieren. Was ihr die Lehrer erzählt hatten, funktionierte ja offensichtlich nicht.
„Warum ist der dritte Schritt der wichtigste, Salomon?“
Weil du erst dann wirklich etwas veränderst, wenn du deine Gefühle verändert hast. Sonst bleibst du ein Glied in der Kette des Schmerzes. Aber wenn du deine Gefühle veränderst, bist du ein Glied in der anderen Kette - man könnte sagen, in Salomons Kette.„Wie heißt denn deine Kette, Salomon?“
Eigentlich habe ich ihr keinen Namen gegeben. Man muss sie fühlen. Aber man könnte sie Kette der Freude nennen oder Kette des Wohlbefindens. Die Glückskette. Es ist eine ganz natürliche Kette, Sara. Das ist es, was wir wirklich sind.„Aber wenn sie so natürlich ist, wenn sie das ist, was wir alle sind, warum fühlen sich dann nicht mehr Menschen öfter gut?“
Die Menschen, wollen, dass es ihnen gut geht, und die meisten Menschen wollen auch sehr gern gut sein. Und das ist gerade Teil des Problems.„Was soll das heißen? Wie kann es ein Problem sein, wenn man gut sein möchte?“
Also, Sara, die Leuten möchten gut sein. Daher schauen sie sich an, wie andere Leute leben, um herauszufinden, was gut ist. Sie schauen sich die Verhältnisse an, in denen sie leben, und dann sehen sie Dinge, die sie für gut halten, und Dinge, die sie für schlecht halten.„Und das soll schlecht sein? Was soll denn daran schlecht sein, Salomon?“
Mir ist aufgefallen, dass die meisten Menschen nicht darauf achten, wie sie sich fühlen, wenn sie sich die Verhältnisse - gut oder schlecht - anschauen. Und da läuft die Sache aus dem Ruder. Statt sich bewusst zu sein, dass sich das, was sie sich anschauen, auf sie auswirkt, achten sie auf ihrer Suche nach dem Guten immer auf das Schlechte und versuchen, es wegzudrängen. Das Problem dabei ist einfach, dass sie Glieder in der Kette des Schmerzes geworden sind, wenn sie immer das ablehnen, was sie für schlecht halten. Die Menschen sind mehr daran interessiert, sich die Verhältnisse anzuschauen, die zu analysieren und zu vergleichen, als darauf zu achten, wie sie sich dabei fühlen. Und häufig ziehen sie die Verhältnisse wieder in die Kette des Schmerzes hinein.Sara, denk einmal an die letzten Tage. Versuch dich an deine stärksten Gefühle zu erinnern. Was war geschehen, als es dir in der letzten Woche so schlecht ging, Sara?„Ich fühlte mich furchtbar, als Tommy und Lynn sich über Donald lustig machten. Mir ging es schrecklich, als die Kinder Donald ausgelacht haben. Aber am schlimmsten fühlte ich mich, als Donald mich anschrie. Dabei habe ich doch nur versucht, ihm zu helfen, Salomon.“
Gut, Sara. Lass und darüber reden. Was hast du getan, als du dich so mies gefühlt hast?„Ich weiß nicht, Salomon. Eigentlich habe ich gar nichts getan. Ich hab‘ wohl die meiste Zeit zugeschaut.“
Das ist genau richtig, Sara. Du hast die Situation beobachtet. Aber die Situationen, die du beobachtest, sind genau diejenigen, die dich dazu bringen, ein Glied in der Kette des Schmerzes zu werden.„Aber Salomon“, erwiderte Sara, „wie soll man denn das, was falsch ist, nicht sehen? Und wie soll man sich denn nicht schlecht fühlen, wenn man es sieht?“
Eine sehr gute Frage, Sara. Ich verspreche dir, dass ich sie dir ausführlich beantworten werde, wenn die Zeit gekommen ist. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, dies alles auf einmal zu verstehen. Der Grund, warum es zuerst schwierig ist, es zu verstehen, ist einfach der, dass man dir beigebracht hat, etwas außerhalb deiner selbst zu beobachten - dass man dir aber nicht beigebracht hat, zu beobachten, wie du dich dabei fühlst. Folglich bestimmen äußere Situationen und Verhältnisse dein Leben. Wenn du etwas Gutes siehst, reagierst du darauf mit einem guten Gefühl, und wenn du etwas Schlechtes siehst, reagierst du darauf mit einem schlechten Gefühl. Weil Dinge außerhalb von euch selbst euer Leben bestimmen, sind viele von euch so frustriert. Deshalb werden auch weiterhin so viele Menschen Glieder in der Kette des Schmerzes werden.„Wie kann ich denn aus der Kette ausbrechen, damit ich auch anderen helfen kann auszusteigen?“
Nun, Sara, dafür gibt es viele Möglichkeiten. Aber die, die mir am besten gefällt, weil sie am schnellsten funktioniert, ist die: Denke Gedanken der Anerkennung und Dankbarkeit.„Anerkennung und Dankbarkeit?“
Ja, Sara. Konzentriere dich auf irgendetwas oder irgendjemanden und finde die Gedanken, durch die es dir am allerbesten geht. Erkenne andere Menschen oder Situationen so gut wie möglich an, würdige sie, lerne sie schätzen, sei ihnen dankbar, erkenne das Gute in ihnen. Das ist die beste Möglichkeit, ein Glied in der Kette der Freude zu werden.Weißt du noch, was der erste Schritt ist?„Zu erkennen, was ich nicht will“, antwortete Sara wie aus der Pistole geschossen. Das hatte sie begriffen.
Und der zweite Schritt?„Zu erkennen, was ich will.“
Sehr gut, Sara. Und der dritte Schritt?„Ach Salomon, das hab‘ ich vergessen“, jammerte Sara, die wegen ihres schlechten Gedächtnisses von sich selbst enttäuscht war.
Der dritte Schritt besteht darin, das Gefühl zu finden, das zu dem passt, was du willst. So lange darüber zu reden, bis du fühlst, dass du es bereits hast.„Salomon, du hast mir noch nicht gesagt, was der vierte Schritt ist“, fiel Sara plötzlich ein.
Ah ja, der vierte Schritt ist der beste, Sara. Jetzt bekommst du nämlich, was du möchtest. Schritt vier ist die so genannte psychische Manifestation deines Wunsches.Viel Spaß dabei, Sara, und streng dich nicht zu sehr dabei an. Übe einfach Anerkennung und Dankbarkeit. Das ist der Schlüssel. S. 61-69

Donnerstag, 27. November 2014

Von der Kraft, die Hand zu senken und aufzustehen

In den letzten beiden Wochen las ich gleich drei Blog-Artikel zum Thema "Gewalt gegen Kinder". Angefangen hat es in dem Blog Geborgen Wachsen mit einem Aufruf gegen Gewalt gegen Kinder. Weiter ging es in dem Blog Wunschkind - Herzkind - Nervkind mit der Aktion: Kinder sind unschlagbar. Vor wenigen Minuten las ich den Eintrag Es hat dir nicht geschadet in der Jazzlounge.

Von meinen Taten und Nicht-Taten


Mir wird bei diesem Thema das Herz eng. Ich fühle regelrecht, wie sich etwas um mein Herz legt und mir kalt wird. Es sind keine Erinnerungen aus meiner Kindheit, die dies hervor rufen. Es sind meine Taten - und vor allem meine Nicht-Taten.

Während ich noch darüber nachdenke, kommen mir diese Worte in den Sinn: Mit dem Schlagen von Kindern aufzuhören, ist eine ebenso große Herausforderung, wie mit dem Rauchen aufzuhören. Was mich persönlich betrifft, ist die Herausforderung sogar größer. Ich rauche seit etwa sieben Jahren nicht mehr. Wann habe ich das letzte Mal einem Kind einen Klaps gegeben?

Wie kommt es überhaupt dazu?

Ich kann nur von mir persönlich,  meinen eigenen Taten und Nicht-Taten erzählen. Wie komme ich dazu, einem Kind einen Klaps zu geben? (Das Wort "schlagen" möchte ich noch nicht einmal denken, und doch ist auch ein Klaps ein Schlag!)
Ich bin überfordert. Es mag angestauter Stress des Tages sein, Wut über irgendetwas oder irgendjemanden und - oder auch einzig - ein unfolgsames, vielleicht zusätzlich quängelndes Kind. Wer kann sich von so etwas freisprechen? Kannst du es? Wirklich? Dann bewahre es dir.

Ich erinnere mich sehr genau an die Situation, als ich das letzte Mal einem Kind einen Klaps gegeben habe. Es fällt mir dagegen nicht mehr ein - und dafür bin ich sehr dankbar - wann diese Situation war. Es ist schon eine ganze Weile her und es war tatsächlich das letzte Mal.
Danach gab es noch häufig Situationen, in denen ich die Hand erhoben hatte. Ich hatte meine große Hand gegen ein kleines Kind erhoben im Begriff zuzuschlagen (Irgendwie klingt "einen Klaps geben" wesentlich harmloser.) und habe es nicht getan. Ich hatte rechtzeitig bemerkt, was ich zu tun im Begriff war. Ich glaube, ich habe in diesem Moment jedes Mal die Hand sinken lassen und das Kind umarmt - ganz gleich, was die Situation ausgelöst hatte, womit das Kind meine Ohnmacht hervorgerufen hatte. Ich hatte sie in diesem Moment überwunden und war voll Dankbarkeit. Auch eine solche Begebenheit ist bereits eine kleine Weile her. Darüber bin ich sehr froh und dankbar.

Weil Kinder weniger Mensch sind, als Erwachsene?

Ich bin eine erwachsene Frau. Ich habe 34 Jahre Lebenserfahrung gesammelt. Zu einigen Themen habe ich einen sehr hohen Anspruch an mich selbst und dazu gehört, dass ich nicht schlage.
Ich käme niemals auf die Idee, einen anderen erwachsenen Menschen zu schlagen, gleich wie beschissen mein Tag war oder wie sehr diese Person mir auf die Nerven gehen mag. Es gibt etliche Situationen und Menschen, bei denen ich dieses Bedürfnis Verlangen mitunter habe - doch setze ich es nicht in die Tat um.
Warum tat ich es bei kleinen Kindern? Warum tun es so viele Erwachsene bei Kindern?
Der Grund mag in den Erfahrungen eines jeden schlagenden Menschen liegen, doch in der unmittelbaren Situation gibt es meines Erachtens nur einen einzigen Grund. Der Erwachsene hat sich auf den geistigen und emotionalen Stand eines Kindes zurückentwickelt.

Weil ich im Innern ein Kind bin?

Ich habe beobachtet, dass Kinder schlagen und schubsen. Auch in Haushalten, in denen Kinder keine körperliche Gewalt erfahren, schlagen und schubsen sie andere Kinder häufig, noch ehe sie ihren ersten Geburtstag gefeiert haben. Schlagen ist ein Ausdruck von Ohnmacht. Und grade Kleinstkinder, die sich noch nicht verbal mitteilen können, entdecken das Schlagen für sich als ein Instrument des Sich-Mitteilens. Wenn sie damit erfolgreich sind, setzten sie dieses Instrument immer wieder ein - logisch.
Die Kinder, für die ich verantwortlich bin, halte ich von Anfang an dazu an, andere Wege, als körperliche Gewalt zu entdecken. Ich lebe sie ihnen vor. Ich stoppe sie in ihrem Tun, erkläre ihnen andere Möglichkeiten und lebe sie immer wieder vor. Es funktioniert - auch schon bei den ganz Kleinen! Selbst, wenn sie noch nicht mehr als ein paar Worte verbal sprechen können! Ich erlebe es!
Wenn Kinder unter 3 Jahren andere Konfliktlösungen für sich entdecken können, sind sie in dem Moment, in dem ich schlage, reifer und weiter entwickelt als ich. Und weil ich an mich selbst den Anspruch habe, älter als 3 Jahre zu sein (Es sei denn ich erfreue mich an den Wundern der Natur!), habe auch ich andere Lösungen zu finden.

So viel zu mir und meinen Taten. Was ist nun mit meinen Nicht-Taten?
Was meine ich mit dieser Wortschöpfung?
Ich schreite wirklich nahezu jedes Mal ein, wenn ich beobachte, wie Kinder anderen Kindern körperliche Gewalt antun. Wann schreite ich ein, wenn Erwachsene Kindern körperliche Gewalt antun? Ich tue es - doch viel zu selten. Dies sind meine Nicht-Taten.

Der "kleine Klaps" gehört zum Alltag

Vor einer Weile saß ich in einer Runde mit anderen Frauen beim Abendessen. Wie das bei so einer Frauenrunde nun mal ist, wird über alles Mögliche gequatscht - natürlich auch über (die eigenen) Kinder und deren Erziehung.
Ich war erschrocken, wie selbstverständlich immer wieder angedeutet oder sogar klar ausgesprochen wurde, dass diese Frauen Kinder geschlagen hatten. Die Taten wurden sogar in witzige Anekdoten verpackt. Wie abgestumpft sind wir - gerade wir Frauen und Mütter?!
Ich war entsetzt. Und was habe ich gesagt? Nichts. Nicht ein Wort. Ganz im Gegenteil, ich habe über die Anekdoten gelacht. Was mir im Kopf herum ging, was ich für mich reflektierte, habe ich nicht ausgesprochen.

Ich habe, weil es hat!

Ich hatte einst mitbekommen, wie ein Kind sein Geschwisterchen, das zwei Köpfe kleiner war, so grob schubste, dass es bäuchlings über den Boden rutschte. Ein Elternteil, dass dies sah, schubste daraufhin das Kind mit dem selben Ergebnis. Ich schreibe dies als Beobachtung, wertfrei, denn ich war einst in einer ähnlichen Situation und handelte ebenso.
Und doch ist dies in meinen Augen und aus heutiger Sicht etwas völlig anderes, als wenn ich ein Kleinkind zwicke oder an den Haaren zupfe, um ihm zu zeigen, dass kneifen, beißen und an den Haaren zu ziehen unangenehm bis schmerzhaft ist. Irgendwo hört meiner Meinung nach die Verhältnismäßigkeit auf.
Ich bin eine erwachsene Frau und kein Kind. Wenn ein Kind sein jüngeres Geschwisterchen derart behandelt, habe ich noch lange kein Recht, das kleine Kind ebenfalls so zu behandeln. Ich habe andere Lösungen zu finden - und dazu gehört auch die Lösung, dem Kind auf eine andere Weise zu vermitteln, was es in seinem Geschwisterchen ausgelöst hat. Vor allem gehört dazu, dem Kind einen anderen Weg vorzuleben.

Ein Krieg hat noch keinen Frieden gebracht und ein Klaps kein freundliches Wort

Ich sah einst, wie ein Kind in seiner Wut einem Elternteil eine Beleidigung an den Kopf warf. Das andere Elternteil hatte dies gehört. Es stellte das Kind zur Rede. Dieses floh in eine Lüge. Und schon saß der Klaps. Ich war dabei und schwieg.
Ob der Klaps nun wegen der Lüge oder wegen des Schimpfwortes folgte, ist vollkommen irrelevant. Es fällt mir schwer, in dem schlagenden Elternteil, das Sekunden zuvor lediglich ein Beobachter gewesen war, die Ohnmacht zu sehen, die ich oft in mir selbst spürte. Meines erachtens war dieser Klaps eine Strafe. Und ich habe geschwiegen.

Wenn ich nicht tue, was ich sage... - und wenn doch?

Die Androhung von Gewalt (selbst wenn nicht die Absicht besteht, sie auszuführen) erachte ich als ebenso dramatisch. Wie oft höre ich den Satz: "Wenn du nicht..., dann gibt es was auf den Po." (Oder ähnlich.) Selbst von Kindern habe ich ihn schon gehört! Und wie oft sage ich etwas dazu?
Eine solche Drohung ist gleich doppelt unsinnig. Setze ich sie, nachdem alle Worte nicht zu dem von mir gewünschten Ergebnis führten, in die Tat um, schlage ich, entwickel mich damit selbst auf den Stand eines Kindes zurück. Von dem, was dies in dem Kind auslöst und mit der Bindung des Kindes zum Erwachsenen anstellt, gar nicht erst zu reden.
Ist diese Ankündigung nur ein leeres Versprechen, lernt das Kind, dass ich nicht umsetze, was ich sage. Wenn ich schon meinem eigenen Wort nicht folge, warum sollte es dann ein Kind tun?

Einst war ich dabei, als ein Elternteil, dass von einem Kind während des Einkaufens genervt war, sagte: "Wenn du jetzt nicht ruhig bist, stecke ich dich in diese Gefriertruhe und gehe nach Hause."
Ich war entsetzt - und ich schwieg. Obwohl diese Erinnerung bereits einige Jahre alt ist, bin ich von ihr noch geschockt. Was löst eine solche Aussage in einem kleinen Kind aus?

Wie viel Kraft und welche Energie steckt wirklich in mir?

Warum kostet es einen Erwachsenen so viel Kraft, nicht die Hand zu erheben? Warum braucht es so unendlich viel mehr Kraft, Mut aufzubringen und aufzustehen, wenn ein Kind geschlagen wird?
Was mich persönlich betrifft, werde ich die Antwort nicht hier ausbreiten. Es reicht, wenn ich die Gründe kenne, denn damit kann ich bei mir selbst etwas bewirken.
Als viel wichtiger sehe ich, dass ein jeder diese Fragen selbst beantwortet, für sich. Wenn der Grund gefunden ist, kommt zunehmend auch die Energie, in der einen Situation die Hand zu senken und in der anderen aufzustehen.

Warum ist mir das wichtig?

Wie kann ich mir wünschen, dass ich niemals am eigenen Leib einen Krieg erleben werde, wenn ich Gewalt in Kindern säe oder zuschaue, wie andere dies tun?
Ich möchte sehen, das Menschen Konflikte lösen, ohne jemanden körperlich zu verletzen. Da ich der festen Überzeugung bin, dass ich nur erlebe, was ich auch vorlebe, liegt es mir, genau dies in die Tat umzusetzen. Ich habe noch nicht den Mut jedes Mal aufzustehen. Aber ich habe den Mut, meine Gedanken nieder zu schreiben und zu teilen.

Namasté

Donnerstag, 6. November 2014

Jeder Funke kann ein Leuchtfeuer auslösen

Vor einigen Monaten überlegte ich, wie ich mein vorrangiges Ziel, meine Erkenntnisse weiterzugeben, damit andere sich ein Bild machen können, näher kommen kann. Bis zu diesem Zeitpunkt nutzte ich dazu in erster Linie Facebook, indem ich Informationen, die mich inspirieren, teile, manchmal auch kommentiere. Allerdings beschäftigen sich viele meiner Kontakte mit ähnlichen oder denselben Themen, für die ich mich begeistere. Welchen Sinn macht es, so überlegte ich, Hinweise stets in einem Kreis weiterzuleiten, der ohnehin aus aufgeschlossenen, begreifenden, erwachenden Menschen besteht? Jene, die ich tatsächlich erreichen wollte, Verwandte und enge Freunde, erreichte ich nicht über dieses Medium.

Und doch wurde ich vor einer Weile überrascht, als mich die Mutter eines ehemaligen Tageskindes anschrieb. Ich hatte sie erst kurz zuvor meiner Kontakt-Liste hinzugefügt. Sie zeigte sich an einigen Dingen, die ich weitergab, interessiert und lud mich spontan zum Abendessen ein. Es folgte ein interessantes Gespräch, dem weitere folgen werden.
Für mich war es ein Zeichen, dass ich über Facebook durchaus etwas bewirken kann. Wie viele mögen sich von den Artikeln, Zitaten und Bildern, die ich weitergebe, inspiriert fühlen, ohne mit mir Kontakt aufzunehmen?
Und doch ist es mir zu wenig. Es gibt derzeit etliche, die dem Mainstream folgen, ohne zu hinterfragen. Zahlreiche, die derart oberflächlich leben, dass sie nicht daran denken, auf wessen Kosten sie dieses Dasein führen. Die so genannte kritische Masse ist offenbar noch lange nicht erreicht.

Meine einzige Idee dazu ist, weiterhin Informationen zu teilen - jede Chance zu nutzen. Irgendjemanden werden sie erreichen, genau in der passenden Situation, so dass diese Person die Augen öffnen wird. Sie wird sich fragen: „Was ist das?“ oder „Wie kann das sein?“ Sie wird nachforschen. Und selbst wenn sie nur zu einem Thema alternative Quellen nutzt, ist ein Schritt getan.
Darum beschloss ich vor einigen Monaten, dass ich zunehmend jede mir erdenkliche Möglichkeit nutzen möchte, um Menschen, mit denen ich Kontakt habe, Inspirationen anzubieten.

Wenn ich Bücher versende, lege ich ein Exemplar der Streitschrift von Felix Finkbeiner bei - kostenlos und ungefragt. Auf diese Weise kann ich mir völlig unbekannte Menschen gleich für mehrere Themen sensibilisieren, selbst wenn sie nur aus Neugier einen Blick in das Heftchen werfen.

In meiner Tagespflege komme ich ganz automatisch mit den Eltern und weiteren Verwandten meiner Tageskinder ins Gespräch. Gerne leihe ich Bücher von Marshall Rosenberg aus.

Als Rollenspielerin entschloss ich mich, mein langjähriges Hobby mit anderen Themen, die mich begeistern, zu verbinden. Indem ich in das Leben meiner Charaktere Aspekte dieser Themen einflechte, wecke ich Menschen, die (vielleicht) bisher überhaupt nicht an dieses dachten, das Interesse, nachzuforschen.

Selbstverständlich spreche ich meine Thematiken auch im Alltag an. Am Häufigsten sicher die Problematik, dass immer noch Kinder für (Kinder-)Schokolade als Sklaven arbeiten müssen.

Dies ist mein Weg, Bewusstheit zu schaffen, in dem festen Glauben, dass jeder Funke ein Leuchtfeuer auslösen kann.

Sonntag, 6. Januar 2013

Gott über "richtig" und "falsch"

ISBN 978-3-442-21786-1
Macht weiter so und handelt nach eurem Wissen. Aber nehmt zur Kenntnis, daß ihr das schon seit Anbeginn der Zeit macht. Und schaut euch an, in welchem Zustand die Welt ist. Euch ist da eindeutig etwas entgangen. Offensichtlich versteht ihr etwas nicht. Das, was ihr tatsächlich versteht, muß euch richtig erscheinen, denn ihr verwendet den Begriff "richtig" für etwas, mit dem ihr einverstanden seid. Und daher wird euch das, was euch entgangen ist, zunächst als "falsch" erscheinen.
Wenn ihr weiterkommen wollt, müßt ihr euch fragen: "Was würde passieren, wenn alles 'richtig' wäre, was ich bislang für 'falsch' gehalten habe?"
aus: "Gespräche mit Gott - Ein ungewöhnlicher Dialog - Band 1" Seite 26f.