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Sonntag, 23. November 2014

Permakultur im Hause eines Hogwartsschülers

Vor einer Weile beschrieb ich hier, warum ich das (Online-)Rollenspiel nutze, um meine Erfahrungen weiterzugeben. Ich flechte einen Teil meiner Gedankengänge, Vorstellungen, Wünsche und Erlebnisse in die Vergangenheit meiner Charaktere ein. Einer meiner ersten Charaktere, bei dem ich dies in diesem Sinne tat, war Christopher Weasley, den ich im Rollenspiel-Forum Mischief Managed spiele.
Die Welt von Harry Potter, in der seine Kinder bereits die oberen Klassen der Schule für Hexrei und Zauberei besuchen, stelle ich mir im Ganzen unserer heutigen Welt sehr ähnlich vor. Und die Eltern von Christopher haben mit den selben Vorurteilen und Ausgrenzungen zu leben, wie ich, wenn es um Permakultur, freies Lernen (Unschooling) und dem Glauben an Energien und dem Erwachen geht. Auch Christopher ist davon selbstverständlich betroffen. Und vielleicht weckt seine Geschichte bei den Personen hinter den anderen Charakteren Interesse für das eine oder das andere Thema.

PERSONALIEN


NAME & SPITZNAME

"Meine Eltern nannten mich Christopher. Sie wollten gängige Namen für ihre Kinder, haben sie doch selbst überaus ausgefallene. Ich hatte an meinem Namen bisher nie etwas auszusetzen. Meistens werde ich ohnehin Chris gerufen - oder Firefly. Dies aber nur von meiner Familie. Der Kosename ist ein Hinweis auf mein erstes magisches Erlebnis, als ich noch winzig klein war und außer Dad niemand ahnte, dass ich Magie gewirkt haben könnte. Mein Nachname lautet Weasley und, das es damit etwas Besonderes auf sich hat, war mir lange nicht bewusst. In der Welt der unwissenden Menschen mag dieser Name keine Bedeutung haben, doch in der magischen Welt ist der Name Weasley ohne Frage bekannt – wenn auch nicht immer geschätzt."

GEBURTSTAG & ALTER


"Ich habe am 6. Februar 2010 das Licht der Welt erblickt und bin damit schon 12 Jahre alt."

WOHNORT & GEBURTSORT


"Ich wurde in Wolverhampton, ganz in der Nähe von Birmingham geboren. Aufgewachsen bin ich mitten im Nirgendwo, jedenfalls bis ich elf Jahre alt war und im September nach Hogwarts kam. Mitten im Nirgendwo, das liegt in Wales auf einem Bauernhof, der in Feldern eingebettet und nahe eines Waldstückes liegt. Das nächste Dorf heißt Tain Lon und die beiden nächsten größeren Städte, wenn man sie denn so bezeichnen kann, sind Clynnog-fawr und Llanllyfni. Es ist so ziemlich der einsamste Ort der Welt, den ich mir vorstellen kann – aber es ist meine Heimat und ich liebe ihn. Hogwarts, wo ich inzwischen die meiste Zeit des Jahres verbringe, ist ein krasser Gegensatz dazu."

BLUTSTATUS


"Puh, ich glaube, ich bin Halbblut. Also, in der Theorie ist mein Vater sogar ein Reinblut, aber er ist ein Squib und nach allem, was ich bis jetzt weiß, zählen die meistens gar nicht. Jedenfalls stammt er von Zauberern ab und er hat eine Muggel geheiratet. Von daher werde ich vermutlich Halbblut sein."

SCHULE


KLASSE & HAUS


"Ich gehe noch in die 1. Klasse in Hogwarts. Ich bin so froh, wenn ich im September in die 2. Klasse komme und dann nicht mehr zu den Kleinen gehöre. An meinem ersten Schultag hat mich der Sprechende Hut dem Haus Ravenclaw zugeteilt. Ich hatte dazu bisher keine Einwände."

POSTEN & MITGLIEDSCHAFTEN & AKTIVITÄTEN


"Ich gehe in die erste Klasse und bin nicht eben ein Naturtalent auf dem Besen. Wer hätte mich schon in die Mannschaft nehmen wollen? Auch für andere wichtige Posten im Schulalltag bin ich noch zu jung. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ich habe immerhin noch etwas mehr als sechs Schuljahre vor mir. Allerdings bin ich vor kurzem dem Verband zum Schutz von gefährdeten, magischen Geschöpfen beigetreten. Wenn ich Tiere schon nicht im Unterricht habe, dann eben so."

FÄCHER

ASTRONOMIE
GESCHICHTE DER ZAUBEREI
KRÄUTERKUNDE
VERTEIDIGUNG
VERWANDLUNG
ZAUBERKUNST
ZAUBERTRÄNKE


"Kräuterkunde ist total mein Ding und ich wünschte, Pflege magischer Geschöpfe könnte ich bereits wählen. Aber das ist noch sooooo lange hin. Hm, ich wüsste nicht, welches Fach ich sonst besonders gern hätte. Sie sind okay, aber kein anderes gehört zu meinen Best Off. Geschichte der Zauberei mag ich gar nicht. Da geht es ja bloß um längst vergangene Kriege. Doch das ist auch das einzige Fach, das irgendwie gar nicht geht. Wie ich bereits sagte, sind die anderen ganz in Ordnung."


CHARAKTER & AUSSEHEN

AUSSEHEN


Größe: 154cm
Statur: schlank
Haarfarbe & -länge: rot & kurz
Augenfarbe: braun
Kleidungsstil: lässig & praktisch mit Kleidung aus biologischen Materialien - und am liebsten barfuß
Körperhaltung: aufrecht, lebensfroh
Auftreten/Ausstrahlung: aufgeschlossen, fröhlich, lausbübisch, naiv, selbstbewusst
Besondere äußere Merkmale: Sommersprossen
Besondere Ticks: wirkt wie ein Empfänger auf Hektik und ist daher (beinahe) ständig in Bewegung und zappelt herum
objektiv negative Merkmale: Narbe am linken Auge, Muttermal am rechten Oberarm

CHARAKTER


"Es hat definitiv seine Vor- und Nachteile, so abgeschieden aufgewachsen zu sein, wie ich. In den ersten Wochen in Hogwarts erlebte ich einen regelrechten Kulturschock, der nichts mit den Unterschieden zwischen der magischen- und der Muggelwelt zutun hatte. Bei mir zu Hause ist es ruhig. Das nächste Dorf, sogar der nächste Nachbar, liegt mehrere Meilen weit weg. Obwohl ich aus einer Großfamilie stamme und es mit kleinen Kindern ja niemals leise ist, läuft zuhause alles mit einer gewissen Lässigkeit ab. Druck und Hektik gibt es beinahe nie. Hier in der Schule bin ich praktisch pausenlos von Hektik und Stress umgeben. Darauf reagiere ich wie ein Empfänger und das ist mitunter deutlich sichtbar. Zu den Essenszeiten, wenn in der Großen Halle viel los ist und gelärmt wird, wenn der Aufenthaltsraum voll ist und alle durcheinander quatschen oder mitten im Unterricht, wo jeder versucht, der Beste zu sein. Ich bin regelrecht hibbelig, kann nicht still sitzen, stehe immer wieder auf oder ändere wenigstens meine Sitzhaltung. Inzwischen wirkt sich das auch auf die Zeiten aus, in denen ich eigentlich ruhig sein sollte. In der Bibliothek, während eines Tests oder wenn ich auf dem Pausenhof mit meinen Freunden beisammenstehe - ständig bin ich in Bewegung. Es sei denn, ich bin in meinem Element. Ob ich nun eine junge Pflanze umtopfe oder ein interessantes Tier beobachte, ist vollkommen egal. Als hätte sich in mir ein Schalter umgelegt, bin ich mit einem Mal ruhig und könnte stundenlang still sitzen.

Ich liebe alles, was mit der Natur zutun hat. Am liebsten bin ich draußen. Schon ein Spaziergang um den See hilft mir, wenn alles in mir unruhig ist. Ich kenne es nicht anders von zu Hause, als die Natur - und vor allem jedes Leben - zu achten und zu respektieren. Viele Leute halten mich deswegen für naiv, aber das bin ich nicht. Ich sehe gern das Gute in den Menschen, aber ich bin nicht blöd. Und vor allem bin ich kein Prügelknabe. Ich habe sehr viel Geduld und es dauert eine Weile, bis man mich gereizt hat, doch ist dieser bestimmte Punkt erst erreicht, bricht ein Orkan los.

Doch im Allgemeinen bin ich ein umgänglicher Typ. Ich lache total gern und manchmal bin ich auch etwas albern. Meine Eltern brachten mir bei, dass ich alles lernen kann, wenn ich ich mich nur dafür begeistere. Hilfreich ist sicherlich, dass ich mich generell für vieles interessiere. Ich kann den Menschen ein Loch in den Bauch fragen und gehe den Dingen auf den Grund. Ich bin nicht der Typ, der einer Mode oder der Masse hinterher läuft. Ich bin ich, ganz individuell, und ich nehme nichts einfach so hin - schon gar keine Regeln, die keinen Sinn ergeben. Eben weil ich alles hinterfrage, handel ich mir manches Mal auch ärger ein und werde als Rebell betrachtet. Doch das stört mich nicht. Ich bin stolz darauf, dass ich so bin, wie ich bin."

SCHWÄCHEN


# stur
# naiv
# weltfremd
# rebellisch
# direkt
# hibbelig
# redselig

STÄRKEN


# humorvoll
# wissbegierig
# sensibel
# hilfsbereit
# selbstbewusst
# leicht begeistert
# lösungsorientiert
# kreativ

VORLIEBEN / HOBBIES


# Jessica
# Pflanzen
# Tiere
# Harmonie
# klettern
# zeichnen
# Schokolade

ABNEIGUNGEN / AVERSIONEN


# Dunkelheit
# still sitzen
# Tierquäler
# Druck
# unnütze Regeln
# Konsumsklaven

FAMILIE


ELTERN


VATER |ALWAID SEPTIMUS WEASLEY | 33 JAHRE | LANDWIRT | SQUIB
MUTTER | EDEN RUFINA WEASLEY, geb. SILVERSMITH | 35 JAHRE | LANDWIRTIN | MUGGEL

"Ich glaube, ich habe die tollsten Eltern, die man sich nur vorstellen kann. Die meiste Zeit sind sie liebevoll und ausgeglichen. Entweder streiten sie wirklich nur ganz selten oder sie tun es so, dass wir Kinder es nicht mitbekommen. Sie sind bodenständig und naturverbunden und gehen ihren Weg, unabhängig davon, was andere Leute sagen. Am wichtigsten ist, dass sie uns Kinder ernst nehmen. Sie fragen uns wirklich nach unserer Meinung und beziehen uns in wichtige Entscheidungen mit ein. Das vermisse ich wirklich, wenn ich in Hogwarts bin. Dieser Zusammenhalt und der aufrechte Respekt voreinander."

GESCHWISTER


 SCHWESTER | JESSICA WEASLEY | 11 JAHRE | SCHÜLERIN | HALBBLUT
BRUDER | BRIAN WEASLEY | 9 JAHRE | SCHÜLER | HALBBLUT
SCHWESTER | ELISABETH WEASLEY | 6 JAHRE | SCHÜLERIN | HALBBLUT
BRUDER | CEDRIC WEASLEY | 4 JAHRE | SCHÜLER | HALBBLUT

"Natürlich streite ich mich ab und zu mit meinen Geschwistern. Das ist normal. Wir vertragen uns auch wieder und ich liebe sie alle. Ich bin gerne der große Bruder und manchmal habe ich schon ein schlechtes Gewissen, weil ich nun die meiste Zeit des Jahres so weit weg bin. Darum schreibe ich auch meinen Geschwistern oft. Am meisten vermisse ich Jessy. Da wir so dicht hintereinander geboren wurden, sind wir beinahe wie Zwillinge. Ich bin so froh, wenn sie im neuen Schuljahr mit nach Hogwarts kommt."

WEITERE VERWANDTE


GROSSVATER | CADDARIC WEASLEY | 67 JAHRE | RENTNER | REINBLUT
GROSSMUTTER | GAIRA WEASLEY, geb. GAMP | 63 JAHRE | RENTNERIN | REINBLUT

"Für viele Jahre hatte ich so gut wie gar keinen Kontakt zu Dads Eltern. Inzwischen weiß ich, dass er einfach ein normales Leben haben wollte - ohne Magie. Er wollte sie von uns fern halten - obwohl er gewusst haben musste, dass dies nicht möglich war. Ich weiß nicht, ob er sich deswegen irgendwann mit den Großeltern zerstritten hatte. Wenn es so war, dann haben sie sich auch wieder vertragen. Kurz nach meinem 7. Geburtstag haben uns die Großeltern auf der Farm besucht und seit dem haben wir auch wieder regelmäßig Kontakt. Ich freue mich darüber, denn sie wissen beide viele Anekdoten aus der magischen Welt zu erzählen."

GROSSONKEL | ARTHUR WEASLEY | 72 JAHRE | RENTNER | REINBLUT
GROSSTANTE | MOLLY WEASLEY, geb. PREWETT | 73 JAHRE | HAUSHEXE | REINBLUT
DIVERSE NACHKOMMEN VON ARTHUR UND MOLLY WEASLEY

"Das nicht nur Mum eine große Familie hat, sondern auch Dad, weiß ich von Grandpa Cad. Er erzählte irgendwann von seinem Bruder und dessen viele Kinder und Enkel. Auf einer Familienfeier war ich auch mit dabei und einige meiner Großcousins und -cousinen gehen ebenfalls nach Hogwarts. Allerdings sind die alle älter als ich und wir haben in der Schule nicht so viel miteinander zutun."

GROSSVATER | JONATHAN SILVERSMITH | 65 JAHRE |RENTNER| MUGGEL
GROSSMUTTER | DIANA SILVERSMITH, geb. O'BRIAN |66 JAHRE|RENTNERIN| MUGGEL

"Grandpa Jon und Granny Di sind zu uns auf die Farm gezogen, als Mum mit Elisabeth schwanger war. Sie haben am Landleben Gefallen gefunden und freuen sich natürlich, ihre Enkel immer um sich zu haben. Für uns war es damals schwer, unser Familiengeheimnis vor ihnen zu verbergen. Es war gar nicht möglich, obwohl Mum und Dad es versucht hatten. Doch nach dem ersten Schreck haben sie sich daran gewöhnt und sind stolz auf uns magische Kinder. Ich liebe sie und freue mich, sie in den Ferien immer direkt um mich zu haben."

TANTE | YASMINE MAUREEN MCDOUGLAS, geb. SILVERSMITH | 32 JAHRE | ERZIEHERIN | MUGGEL
ONKEL | HENSON MCDOUGLAS | 35 JAHRE | AUTOMOBILVERKÄUFER | MUGGEL
COUSIN | EVAN MCDOUGLAS | 10 JAHRE | SCHÜLER | MUGGEL
COUSIN | IVER MCDOUGLAS | 7 JAHRE | SCHÜLER | MUGGEL

ONKEL | FLORIAN SILVERSMITH | 28 JAHRE | UNTERNEHMER | MUGGEL
TANTE | SALLY SILVERSMITH, geb. BAKER | 27 JAHRE | AUTORIN | MUGGEL
COUSINE | SAMANTHA SILVERSMITH | 5 JAHRE | KIND | MUGGEL

TANTE | ROSALY LILIA SILVERSMITH | 25 JAHRE | LEHRERIN | MUGGEL

"Mit drei jüngeren Geschwistern ist Mum eine Großfamilie gewöhnt. Wir besuchen die Tanten und Onkel nur selten, doch sie verbringen einen Teil ihrer Urlaube bei uns auf der Farm. Das ist jedes Mal eine lustige und besondere Zeit. Einmal im Jahr - inzwischen in den Sommerferien - kommt die ganze Familie bei uns zusammen und wir feiern ein Sommerfest. Das ist der Höhepunkt von allem - besonders wenn Grandpa und Granny Weasley auch dabei sind. Die Tanten und Onkel wissen nämlich nichts von Magie und wir dürfen ihnen auch nichts sagen. Das ist für die Kleinen eine ganz schöne Herausforderung - und für Grandpa Cad auch."

HAUSTIER


KATZE | LILU | 9 JAHRE

"Wir haben bei uns auf der Farm ja alle möglichen Tiere, doch mein Liebling war immer die Katze Lilu, deren Leben ich einst rettete. Weil sie aber schon so alt ist und sich zu Hause ganz sicher wohler fühlt, ist sie auch dort geblieben. Ich kuschel in den Ferien mit ihr."

STEINKAUZ | WICKET | 2 JAHRE

"Meinen kleinen Wicket erhielt ich, ehe ich nach Hogwarts kam. Er liefert meine Briefe nach Hause und bringt mir Süßigkeitenpakete. Außerdem ist er ein toller, treuer Freund."

DEINE GESCHICHTE


"An dem Abend, an dem ich im Geburtshaus von Wolverhampton geboren wurde, soll es tierisch gestürmt haben. Donner, Blitz und Hagel, mit anschließendem Schneefall und allem Drum und Dran. Es hatte mich offenbar nicht gestört und selbstverständlich weiß ich davon nichts mehr. Überhaupt erinnere ich mich an die Zeit, in der wir in Wolverhampton lebten, nicht mehr. Ich war erst zwei Jahre alt, als wir auf die kleine Farm zogen, auf der Mum und Dad ihren Traum verwirklichen wollten. Da waren wir schon nicht mehr zu dritt, denn nur ein knappes Jahr nach mir war meine Schwester Jessica geboren. So dicht, wie wir aneinander liegen, wuchsen wir beinahe wie Zwillinge auf und benehmen uns selbst heute noch so. Als ich drei Jahre alt war, kam mein erster Bruder Brian zur Welt. Andere Kinder vermisste ich nie und als Kleinkind hatte daher auch nie das Gefühl, anders zu sein, als die Nachbarskinder. Und das sind wir gleich im doppelten Sinne.

Mum und Dad sind Alternative. Also, ursprünglich hat Mum damit angefangen, aber Dad war ganz schnell begeistert. Sie streben ein Leben im Einklang mit der Natur und ihren Mitmenschen an. Das heißt, sie bauen Lebensmittel auf biologische Weise an, verzichten auf sämtliche künstliche Dünger und Pestizide und halten von Genmanipulation natürlich gar nichts. Außerdem ernähren wir uns überwiegend vegetarisch. Das alles reicht im Grunde schon, um anders zu sein. Jedenfalls im Vergleich zu den Nachbarn, die in der Regel konservative Bauern sind. Als sei das nicht genug, halten Mum und Dad weder etwas von unserem politischen noch vom Schulsystem. Aus diesem Grund unterrichten sie uns auch zuhause. Also, mich nicht mehr, aber meine jüngeren Geschwister. Damals hatten sie nie vor, uns jemals in eine Schule zu schicken. Sie schenkten uns die Freiheit, mit Freude und Begeisterung zu lernen, wonach uns war und wann uns danach war. Da ich mich schon immer für Pflanzen und Tiere begeistert habe, konnte ich mit sechs Jahren, als meine Schwester Elisabeth zur Welt kam, die meisten Nutzpflanzen auf unserem Grundstück auseinanderhalten. Und das nicht nur an ihren Blüten oder Früchten, sondern auch in den Wachstumsphasen. Liebend gerne half ich Mum damals beim Säen und Pikieren der Jungpflanzen. Ebenso interessierte ich mich seinerzeit schon für Tiere aller Art. Stundenlang konnte ich Spinnen, Käfer und Eidechsen beobachten.Und ebenso die Hühner mit ihren Küken oder unsere Hofkatzen und -hunde. Was mich betraf, lebte ich im Paradies. Und das, obwohl ich zunehmend verstand, dass die Nachbarn uns mieden und meinen Eltern manchmal das Leben schwer machten. Mir war das egal, denn die Familie hielt zusammen. Das zeigte sich besonders, als Grandpa Jon und Granny Di kurz vor Elisabeths Geburt zu uns auf den Hof zogen.

Allerdings sind wir, meine Geschwister und ich, auf noch eine völlig andere Weise anders, als die Nachbarskinder aus den Dörfern.

Habt ihr schon mal gesehen, dass ein kleines Baby von höchstens sechs Monaten selbstständig das Licht in einem dunklen Zimmer einschaltet? Mir war das gelungen - und zwar von meiner Wiege aus! Dad hatte es damals beobachtet und mir Jahre später davon erzählt. Offenbar hatte ich schon derzeit Angst vor der Dunkelheit und einfach die Lampe eingeschaltet, wenn ich allein im Zimmer lag. Dad, der eine Ahnung hatte, wie mir das gelungen sein konnte, versuchte lange, diese Fähigkeit vor Mum zu verbergen. Als sie es eines Tages doch entdeckte, war Mum total fasziniert davon. Dazu muss ich sagen, dass sie ziemlich esoterischen veranlagt ist. Sie glaubt daran, dass Menschen in diesem Jahrhundert erwachen und damit Gaben haben, auf die andere nicht zugreifen können. Vor allem sollen diese Erwachten nach Mums Vorstellungen friedvoller mit sich, der Umwelt und ihrem Umfeld umgehen. Mum hielt mich also für einen Erwachten, für ein Lichtkind, wie sie es nannte. Firefly nannte sie mich damals gerne. Das ist auch bis heute ihr Spitzname für mich geblieben.

Das nächste besondere Ereignis beobachtete Dad, als Jessy ein paar Monate alt war. Ich konnte schon laufen und sprach die ersten Worte. Wir wähnten uns allein im Zimmer, spielten miteinander und unterhielten uns auf unsere eigene Art, die für uns vollkommen normal war. Dad erzählte mir später, dass er zugeschaut hatte, wie Spiralen aus farbigem Licht zwischen uns hin und her wanderten. Er hatte gar nicht erkennen können, ob die nun von mir oder von Jessica ausgingen oder von uns beiden zusammen. Auf jeden Fall hatten wir beide unsere helle Freude daran. Ich erinnere mich nicht an solche Spiele. Auch dies versuchte Dad vor Mum zu verbergen, was ihm wiederum nicht lange gelang. Doch erneut sah Mum die Gabe eines erwachten Kindes - womit auch Jessica ihren Spitznamen weg hatte. Mum nennt sie bis heute Rainbow. Die Wahrheit erzählte Dad ihr jedenfalls nicht.

Als ich fünf Jahre alt war, hatte eine unserer streunenden Katzen irgendwo auf einem Nachbarfeld etwas Vergiftetes gefressen. Obwohl Dad den Tierarzt dazu rief, war den Erwachsenen am Abend klar, dass die Katze den nächsten Morgen nicht überleben würde. Ich wusste längst, dass der Tod zum Kreislauf des Lebens dazugehörte. Schon so manches Tier war auf der Farm gestorben. Doch dieses Mal handelte es sich um meine Lieblingskatze und ich hatte sie nicht gehen lassen wollen. Ich weigerte mich in dieser Nacht in meinem eigenen Bett zu schlafen und wachte neben dem kranken Tier auf der Decke, streichelte sie selbst im Traum. Am Morgen war sie wieder gesund! Ich weiß nicht, ob ich das wahrhaftig bewirkt hatte, aber Mum und Dad glaubten fest daran.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt gestand zumindest Dad sich ein, was er schon lange ahnte. Er fürchtete weiterhin, seiner Frau die ganze Wahrheit zu sagen, doch bereitete er uns Kinder ganz subtil auf ein Leben vor, dass vollkommen anders verlaufen würde, als sein eigenes. Er erzählte uns Märchen aus einer magischen Welt.

Als Grandpa Jon und Granny Di zu uns zogen, galt es all diese Besonderheiten zu verbergen. Zwar hatten die Großeltern sich an die Eigenheiten ihrer alternativen Tochter gewöhnt und waren zumindest gewillt, sie zu unterstützen, gleichwohl nahmen die Eltern an, dass erwachte Lichtkinder etwas zu viel für die ältere Generation wären.

Ich denke man kann sich vorstellen, wie erfolgreich sie mit ihrer Geheimnistuerei waren, mit immerhin vier derart begabten Kindern im Haus. Zwar war Elisabeth noch winzig klein, doch Brian zeigte längst seine ersten Begabungen. Daher war abzusehen, dass es bei Beth ebenfalls früher oder später anfingen. Mum und Dad hatten die Akzeptanzschwelle der Großeltern jedenfalls gewaltig unterschätzt. Nach einer gewissen Angewöhnungszeit waren sie es, die vorschlugen, den Tanten und Onkel, die jeder ein ganz alltägliches Leben in der zivilisierten Welt Englands führten, nichts von unseren Auffälligkeiten zu erzählen.

Mein 7. Geburtstag sollte ein ganz besonderer Tag werden. Beinahe die ganze Familie war anwesend. Tante Yasmin war mit ihren beiden kleinen Söhnen gekommen und Onkel Florian mit seiner schwangen Frau Sally. Dad hatte zwei unserer Pferde vor den alten Heuwagen gespannt. Wir Kinder saßen alle hinten auf dem Wagen, eingehüllt in Decken und mit Tassen voll heißem Kakao in den Händen, während Onkel Florian die Zossen über die Feldwege leitete. Es war ein sonniger Tag, sogar vergleichsweise warm für das frühe Jahr. Und dann, als Onkel Florian das Gespann eben über die wenig befahrene Fahrbahn zwischen den Dörfern lenkte, um auf dem nächsten Feldweg wieder einbiegen zu können, geschah es. Motorräder, Mopeds, Roller und Crossmaschinen. Es waren mehr, als ich damals zählen konnte. Halbstarke aus den umliegenden Siedlungen. Sie jagten an unserem Gespann vorbei und die Ersten drehten bereits mitten auf der Straße, ehe die Letzten uns erreicht hatten. Die Pferde gingen in Panik durch und jagten über das brachliegende Feld. Wir Kinder schrien und weinten vor Angst - vor allem die jüngsten. Onkel Florian fiel vom Wagen, als er versuchte, die Tiere zu bändigen. Und die Crossmaschinen folgten uns immer noch. Schließlich brach die fordere Achse und das Zweiergespann rannte allein weiter, während der Karren schräg zum Stehen kam. Wie durch ein wunder, kamen wir mit dem Schrecken und ein paar Kratzern und blauen Flecken davon. Selbst Onkel Florian hatte nur eine große Beule am Kopf und ein verstauchtes Handgelenk. Ich hatte Angst - aber vor allem war ich zornig. Diese Halbstarken hatten mich, meine Geschwister und meinen Cousin zu Tode geängstigt. Sie hatten die Pferde verjagt und uns verletzt. Vor allem hatten sie meinen wundervollen Geburtstag versaut. Niemals zuvor war ich so wütend gewesen.

Ich stand auf diesem Feld und starrte den Motorrädern nach und hinüber zu dem Dorf, dessen Dächer und Kirchturm ich sehen konnte. Hinter mir weinten die jüngeren. Onkel Florian tröstete sie und rief zugleich über sein Handy die übrigen Erwachsenen zu Hilfe. All die Geräusche schürten meine Wut zusätzlich - und mit ihr kam der Wind. Er war heftig genug, dass er lose Zweige und Steine vom Boden aufhob und mit sich trug. Schon war er an uns vorbei - und die anderen hatten es noch nicht gemerkt. Wolken verdichteten sich und auf dem Weg zum Ort wuchs aus dem Wind ein kreiselnder, tödlicher Tornado. Ich spürte, wie Jessica ihre Hand in meine schob, sah mich aber nicht nach ihr oder den übrigen um. Mein Blick war auf das Dorf gerichtet, auf welches die Windhose zuhielt. Donner hallte durch die Luft und über dem Kirchturm schossen Blitze vom Himmel. Der kleine Brian drückte seine Hand in meine freie, als ein Lichtblitz in den Wetterhahn des Glockenturms einschlug und ich wandte den Blick weiterhin nicht ab. Der Tornado erreichte die Motorradfahrer unmittelbar vor dem Dorfrand und saugte sie einfach ein. Er zog weiter, zerfetzte Gartenzäune und raste durch eine alte Scheune, ehe er die Schindeln eines Daches ansog. Und immer noch wanderte er weiter, getrieben von meiner Wut und womöglich sogar von Jessicas und Brians.

Wie aus dem Nichts tauchten die Männer und Frauen auf. Sie trugen seltsame Umhänge und Hüte. Und sie hatten Zauberstäbe dabei, aus denen sie farbige Lichter abschossen. In Null Komma Nix waren mein Tornado und der ganze Sturm verschwunden. Ich kann gar nicht beschreiben, was an diesem Abend noch alles geschah. Es war einfach zu viel, als das ich es hätte erfassen können.

Erst Jahre später wurde mir der volle Umfang meines Wutausbruches bewusst. Erst, kurz bevor ich nach Hogwarts kam, belauschte ich ein Gespräch, in dem darum ging, dass es eine Untersuchung im Zaubereiministerium gegeben hatte. Und es handelte davon, dass man uns Kinder beinahe von Mum, Dad und den Großeltern weggeholt hätte. Doch ich erzähle lieber der Reihe nach.

Onkel Florian und all jene, die ohnehin nichts von unseren Begabungen wussten, erinnerten sich später nicht, was genau an diesem Nachmittag vorgefallen war. Doch Mum konnte einfach nicht fassen, dass ihre geliebten Lichtkinder zu einer solchen Tat fähig sein konnten. Und Dad konnte nicht länger verschweigen, was wirklich mit uns los war. So verriet er Mum, den Großeltern, Jessica und mir, von Zauberern und Hexen und einer magischen Welt. Dieses Mal, so war mir rasch klar, erzählte Dad keines seiner Märchen. Ich begriff, dass er wahrhaftig der Sohn einer Hexe und eines Zauberers war. Nur besaß Dad diese Fähigkeiten nicht. Er sagte, er sein ein Squib, eine Missgeburt (eine Ausdruckswahl, für die Mum ihn sofort schelte), die keine mystischen Kräfte besaß. Wir Kinder aber, so erklärte er weiter, hätten die Fähigkeiten seiner Eltern offenbar geerbt.

An dem Wochenende darauf besuchten uns zum ersten Mal Dads Eltern, zu denen er den Kontakt bereits vor meiner Geburt abgebrochen hatte. Zusammen mit ihnen erlebte ich in den folgenden Jahren so manchen Ausflug in die magische Welt. Meistens war Jessica dabei, denn wenn sie ohne mich zurückblieb, neigte sie zu übernatürlichen Wutausbrüchen. Nach und nach erfuhr ich, dass Dad im Grunde eine mindestens ebenso große Familie hatte, wie Mum.

Mein elfter Geburtstag war zu Hause nicht außerordentlicher, als jeder andere auch. Doch in der magischen Welt war es etwas Besonderes, elf Jahre alt zu werden. Daher verbrachte ich den größten Teil dieses Tages mit meinen Großeltern - naja, und mit Jessica. Wir waren nach wie vor wie Zwillinge und beinahe untrennbar. Jessica klammerte inzwischen regelrecht, denn die magischen Großeltern wiesen uns immer wieder darauf hin, dass ich nach den Sommerferien nach Hogwarts, in die Schule für Hexerei und Zauberei, gehen würde, während Jessy noch ein Jahr zu Hause bleiben musste.

Und dann, in den Sommerferien, kam endlich der lang ersehnte Brief von der Schule. Ich war so aufgeregt und konnte es gar nicht erwarten, bis ich zusammen mit Dad und den Großeltern in der Winkelgasse meine Schulsachen einkaufte. Dort begegnete ich zum ersten Mal Zauberern und Hexen in meinem Alter. Dad kaufte mir an diesem Tag einen braun gefleckten Steinkauz, den ich Wicket nannte.

Am ersten September des Jahres 2021 war der Tag des Abschieds gekommen - und der war alles andere als leicht. Es fiel mir unendlich schwer, meinen geliebten Hof mit all den Tieren und den Gärten zu verlassen. Doch das war nichts im Vergleich zu dem Abschied von den Großeltern, den Geschwistern oder meinen Eltern. Sie begleiteten mich alle zum Bahnhof und ich muss sagen, das Granny mindestens so aufgeregt war, wie mein kleiner Bruder Cedric, der an diesem Tag erst drei Jahre alt war.

Schon wenige Stunden später, als ich meine Klassenkameraden kennenlernte, war der Abschied beinahe vergessen. Und als ich am Abend in der Großen Halle saß und mir der Sprechende Hut über die Ohren rutschte, konnte ich ohnehin an nichts mehr denken. Der Hut entschied, dass ich zu Ravenclaw gehören sollte und ich wurde an meinem Haustisch mit Applaus empfangen. Schon während des Festmahls erfuhr ich, dass ich nicht der einzige Weasley unter den Ravenclaws war.

Die erste Zeit in Hogwarts war einfach großartig. Es gab so viel Neues zu erleben, dass ich gar nicht mehr zur Ruhe kam. Das allerdings vermisse ich. Du Ruhe unserer Farm. Und natürlich Jessica. Insbesondere seit wir den neuen Schulleiter haben und sich so viel verändert hat, vermisse ich meine geliebte Schwester mehr als je zuvor. Wir schreiben uns viele Briefe und ich zähle bereits die Tage, bis ich endlich wieder mit ihr vereint bin. Und auch, bis endlich dieses verfluchte Schuljahr vorbei ist. So toll es begonnen hatte, so schwierig ist es inzwischen mit den ganzen neuen Regeln. Ich bete um ein Wunder und einen neuen Schulleiter nach den Sommerferien. Vor allem werde ich im neuen Schuljahr endlich nicht mehr zu den Kleinen gehören."

DIE MAGISCHE WELT


GESINNUNG


"Halloho! Ich bin 12 Jahre alt. Ich habe mit Politik nichts am Hut. Allerdings weiß ich genau, dass ich niemals zu den Bösen gehören möchte."

ZAUBERSTAB


EBERESCHE, EINHORNHAAR, 9½ ZOLL, FEDERND

Dienstag, 18. Januar 2011

Kaffeeentzug

Die Bandansage zu Arbeitsbeginn:
Don't call me. My brain is still sleeping.

Die Bandansage kurz vor Feierabend:
Don't call me. My brain is sleeping again.

Zu mehr Kreativität reicht es im Moment nicht. Und dabei muss ich dringend noch den Donnerstagabend vorbereiten. *theatralisch seufz und die Mail des Bruders und einem Berg von Spam versteck*

Montag, 6. Dezember 2010

Wer wünscht sich nicht die Freiheit eines Vogels?

Steckbrief
Name:
~ Tobias Langenscheidt ~
Das ist auf jeden Fall mein Name, seit meine Eltern mich adoptierten. Für mich ist es auch der einzige Name, denn meine leiblichen Eltern haben sich nie gemeldet und werden das wohl auch nicht mehr tun. Ich glaube einfach daran, dass sie ihre guten Gründe hatten, mich abzugeben und fürchte zugleich, dass sie sowieso nicht mehr leben.
~ Tobi, Vogeljunge, Zwerg ~
Meine Freunde nennen mich Tobi. Das ist okay. Bei weitem besser, als wenn sie mich ‚Zwerg’ nennen. Ich hab mir nicht ausgesucht so klein zu sein. Vermutlich wäre es für einen echten Zwerg auch eine Beleidigung. Ich meine, ich hab noch keinen getroffen, aber ich kann mir vorstellen, dass sie kleiner sind als ich. Achja, manchmal nennen sie mich auch ‚Vogeljunge’ und spielen damit auf meine Fähigkeiten an. Solange wir unter uns sind, ist das in Ordnung.

Alter:
15 Jahre

Geburtsdatum:
~ 01.07.1964 ~
Oder so ungefähr. Ganz genau weiß es wahrscheinlich nur die Frau, die mich geboren hat und die habe ich nie fragen können. Ich wurde am Morgen des 02. Juli vor der Tür eines Kinderheimes gefunden. Der Arzt meinte, so klein wie ich war, konnte ich keine 24 Stunden alt gewesen sein.

Geburtsort:
~Duisburg~
Rein theoretisch könnte das zumindest mein Geburtsort sein. Ich habe keine Ahnung. Das Heim, bei dem ich abgegeben wurde liegt in Duisburg und da liegt einfach nahe, dass ich dort auch geboren bin.

Wohnort:
~Krefeld~
Dort leben auf jeden Fall meine Eltern und meine Schwestern. Ich wohne die meiste Zeit des Jahres im Teuteburger Wald. Das heißt, nein. Seit etwa einem Monat lebe ich… Ich finde, dass ist eigentlich gar nicht so wichtig.

Rasse:
~ Begabter~
Ich bin ein Vogel-Morph und das ist so cool. Hast du dir schon einmal in einer langweiligen Unterrichtsstunde gewünscht, einfach so davon zu fliegen? Ich kann es. Und dazu brauch ich keinen Besen!

Fähigkeiten:
~Vogel-Morph~
Zugegeben, ich beherrsche das Ganze noch nicht perfekt. Ich kann mich in ein paar Vögel verwandeln. In die Mehlschwalbe, die Schleiereule und die Lachmöwe. Mein Traum ist ein Adler, der richtig hoch fliegen kann, aber so weit bin ich noch nicht. Fliegen ist das Schönste, was du dir vorstellen kannst – solange du die Zeit nicht vergisst. Glaub mir, es ist absolut nicht lustig, wenn du zwanzig Meter über dem Boden schwebst und auf einmal verwandeln sich deine Flügel in Arme. Gar nicht lustig!

Familie:
~Mutter: Anna-Maria Langenscheidt, geb. Hohenhaus; 50 Jahre; Hausfrau und Mutter; nichtmagisch~
Biologisch gesehen ist sie eine fremde Frau für mich, doch das war für mich niemals wirklich von Bedeutung. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass sie meine Adoptivmutter ist und ich liebe sie genauso, wie vermutlich jedes Kind seine Mutter liebt. Manchmal kann sie richtig nerven. Wie Mütter nun mal sind. Aber sie ist eine tolle Köchin und man kann mit ihr über nahezu alles reden. Natürlich war sie erschrocken, als sie von meiner Begabung erfuhr und sie wollte es erst nicht glauben. Aber sie liebt mich. Sie sagte, nur wenige Eltern hätten die Gelegenheit, sich ihr Kind auszusuchen. Sie hatte mich ausgesucht und will um nichts auf der Welt tauschen.
~Vater: Erhard Langenscheidt; 53 Jahre; Landwirt; nichtmagisch~
Mein Vater hat mich nicht gezeugt, aber das war nie ein Thema. Er ist ein einfacher und strebsamer Mann. Ich glaube, von ihm habe ich meine Tierliebe. Als ich mich das erste Mal vor seinen Augen verwandelte, hat er vor Staunen den Mund kaum zubekommen. Und dann hat er gelacht und gemeint, nun könnte ich die Kühe aus der Luft zusammen treiben und die Mäuse von seinem Mais fern halten. Das ist etwas, was ich sehr an ihm mag. Er nimmt die Menschen wie sie sind und denkt praktisch. Er kann zwar auch sehr konservativ sein, aber welcher Vater ist schon perfekt? Ich liebe ihn, wie er ist.
~Schwester: Lisa Langenscheidt; 18 Jahre; Schülerin; nichtmagisch?~
Lisa ist wie ich adoptiert. Früher hingen wir zusammen wie Pech und Schwefel. Seit ich die meiste Zeit des Jahres ins Internat gehe, ist unser Verhältnis nicht mehr ganz so eng, aber ich glaube, das ist normal. Sie will studieren und Tierärztin werden.
~Schwester: Annika Langenscheidt; 12 Jahre; Schülerin; nichtmagisch?~
Die Ärzte hatten behauptet, Mutti könnte keine Kinder bekommen. Darum haben sie Lisa und mich schließlich adoptiert. Und dann ist sie doch noch schwanger geworden. Obwohl Annika uns nie wirklich vorgezogen wurde, wurde sie trotzdem am meisten verwöhnt. Ich habe gehört in anderen Familien soll es den jüngsten Kindern ebenso gehen. Annika ist neidisch auf meine Begabung. Sie wünscht sich nichts mehr als sich auch etwas Besondere zu sein – so wie ich. Dabei ist sie schon etwas Besonderes, nur dadurch, dass sie lebt! Irgendwann wird sie das auch verstehen.

Schuljahr:
Klasse 5

Abschlüsse:
Ich bin in der 5. Klasse. Woher soll ich einen Abschluss oder gar einen Magiergrad haben? Ich arbeite auf den ersten Grad der Begabten hin.

Kurse:
~Englisch~ Die Weltsprache, soweit ich weiß. Ich gehöre nicht zu den Besten, aber ich kann mich verständigen.
~Geschichte~ Die Geschichte der magischen Welt ist total spannend; ganz besonders die Parallelen zur nichtmagischen Welt.
~Mathe~ Es ist ein Pflichtfach. Was soll ich dazu mehr sagen?
~Mentales Training~ Unheimlich wichtig. Mir reicht einmal die Erfahrung in zwanzig Metern Höhe ohne Flügel.
~Sport~ Es ist okay. Kommt immer drauf an, was gemacht wird. Aber wirklich nichts ist besser als fliegen – und mit Krabbenhokey hab ich es sowieso nicht so.
~Zaubertränke~ Ich bin zwar kein Magier, aber mit Hilfe von ein paar Zaubertränken kann auch ich ein wenig zaubern.
~Astronomie~ Der Himmel ist meine Welt und die Sterne gehören einfach dazu.
~Pflege magischer Geschöpfe~ Ich liebe Tiere. Nicht nur Vögel. Magische Tiere haben noch etwas Besonderes an sich. Sie sind eben… magisch?

Posten:
Ich habe noch keinen besonderen Posten. In Saltuarius waren alle wichtigen Aufgaben schon vergeben. Aber zu viele sind dort geblieben und nun sind wieder einige Posten frei. Wer weiß was nächste Woche sein wird? Ich kann fliegen, aber nicht in die Zukunft sehen.

Aussehen:
Mein größtes Problem ist, dass ich für mein Alter zu klein bin und dadurch auch oft für jünger gehalten werde, als ich bin. Ich meine, ich bin 15! Am Anfang des Schuljahres wollte mich so ein Idiot gar zu den Erstklässlern stecken! Das war schon sehr extrem. Aber für 13 werde ich schon öfter mal gehalten. Ich glaube, es liegt auch daran, dass mein Gesicht noch ziemlich kindlich rund ist. Ehrlich, wenn es einen Zaubertrank gäbe, der mich nur etwas älter aussehen lassen würde – ich würde ihn sofort ausprobieren. Oder noch besser – ein Zaubertrank, der mich wachsen ließe! Ich meine, ich muss wirklich kein Riese sein, aber ich messe gerade mal 1,46 Meter. Nur zehn Zentimeter mehr und ich wäre schon zufrieden – und wahrscheinlich immer noch der Kleinste in meinem Jahrgang. Aber was hilft es zu klagen? Nichts – richtig. Also weiter.
Meine Haut ist recht blass und ich habe wenigstens keine Probleme mit Akne! Ich hoffe, die kommen auch nicht, wenn ich erst wie 15 aussehe. Ich habe braunes Haar, das ich im Allgemeinen kurz trage. Nur der Pony ist etwas länger, reicht nicht selten bis über die Augen und wellt sich dann auch. Ach ja, meine Augen sind übrigens blau – so blau wie der wolkenlose Himmel.
Wenn ich nicht gerade in Schuluniform rum laufe, dann in Bluejeans und Sportschuhen. Dazu trage ich ein T-Shirt mit Hemd oder Pullover. Mehr gibt es nicht zu sagen, glaub ich.

Charakter:
Bei allen Wolken, wie im Namen der Sterne soll ich mich selbst beschreiben? Ich, also… gut, ich versuch’s. Puh, ich… bin wirklich nicht gut in so was. Ich bin kein großer Redner vor einer Gruppe oder so. Lieber halte ich mich bedeckt und verschwinde in der Menge. Zumindest unter Leuten, die mir fremd sind und ganz besonders seit dem Überfall. Ich bin misstrauisch geworden seit dem. Alle sagen, hier im See sind wir sicher. Der Orden wird uns hier niemals finden und angreifen können. Aber haben wir das im Teuteburger Wald nicht auch gedacht? Ich glaube, ich entwickle langsam eine leicht pessimistische Ader. Dabei bin ich sonst gar nicht so.
Unter guten Freunden lebe ich auf. Wer meint, mich wegen meiner Größe oder meiner scheinbaren Jugend ärgern zu müssen, darf sich auf schlagfertige Antworten gefasst machen. Wie gesagt, solange Freunde in der Nähe sind. Allein unter Fremden halte ich lieber die Klappe. In der Clique kann ich aber ebenso gut austeilen wie einstecken. Ganz besonders wenn es ums Fliegen geht. Ich liebe es als Vogel in der Luft zu schweben. Darum vermisse ich auch den Teuteburger Wald so sehr. Aber zum Angeben reicht auch hier die Blase im Bodensee. Das Wasser rund um uns herum ist mir nicht ganz geheuer, aber damit komme ich noch zurecht. Schlimmer sind kleine, dunkle Räume ohne Fester, Keller und so etwas. Da komme ich mir so eingesperrt vor.
Was mich so richtig sauer macht? Unnötige Gewalt gegenüber Unschuldigen. Früher gab es für mich nichts Grausameres als Tierquälerei, aber seit dem Angriff auf die Schule…. Ich meine, da haben bewaffnete, erwachsene Männer weinende und fliehende Kinder ermordet. Niemals werde ich diese Bilder vergessen. Ich sehe sie oft genug in meinen Träumen. Und ich habe mir geschworen, dass ich immer alles tun werde, um die Unschuldigen zu schützen.

Gesinnung:
~gut~
Kämpfe und Waffen sind meiner Meinung nach das Überflüssigste auf der Welt. Dazu gesellt sich Fanatismus. Warum können Magische und Nichtmagische nicht einfach friedlich nebeneinander leben? Ich werde alles tun um jene zu schützen, die sich nicht selbst schützen können – und solange es möglich ist, werde ich es tun, ohne selbst eine Waffe in der Hand zu halten.


Haustier:
Ich habe kein Haustier. Wenn ich eines haben dürfte, käme sowieso nur ein Vogel in Frage. Aber keine Eule, immerhin kann ich selbst eine Eule sein. Ein Adler wäre stark, damit ich ihn richtig studieren kann.

Besen:
Ich brauche ganz bestimmt keinen Besen. Ich kann selbst fliegen, wenn es nötig ist.

Lebenslauf:

Also, ich hab es bereits erwähnt. Ich habe keine Ahnung wo und wann ich geboren bin. Gefunden wurde ich am vor der Tür eines Duisburger Kinderheimes. Dort wurde ich auch die ersten Monate meines Lebens versorgt; anders kann man das kaum nennen. Ich glaube, ich war neun oder zehn Monate alt, als Anna-Maria und Erhard Langenscheidt zusammen mit ihrer Tochter Lisa das Heim besuchten. Sie konnten mir nie eine richtige Antwort geben, warum sie ausgerechnet mich zwischen all den anderen Kindern auswählten. Mutti sagte einmal: „Du warst eben der Richtige.“ Da bleiben keine Fragen offen, oder?
Ich erinnere mich heute nicht mehr daran, aber natürlich spürte ich schon damals die Veränderung. Nun gab es zwei Erwachsene, die sich führsorglich und mit aller Liebe um mich kümmerten.
Ich wuchs auf einem Bauernhof auf. Als Kleinkind kuschelte ich mit dem Hofhund, jagte Katzen und spielte mit Lisa verstecken im Stroh. Es fehlte uns an nichts. Das größte Abenteuer war damals Annikas Geburt. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein Baby aus Muttis Bauch kommen sollte. Kinder wuchsen doch in Heimen.

Naja, vergessen wir diese Peinlichkeiten. Ich wurde älter und vernünftiger, aber auch ruhiger. In der Schule war ich als Träumer bekannt und gehörte nicht eben zu den Besten. Zwar störte ich meine Klassenkameraden nicht, aber ich träumte die meiste Zeit nur vor mich hin. Meine Lehrerin bestätigte, dass ich eine sehr rege Fantasie hatte. Einmal sollten wir malen, was wir werden wollten, wenn wir groß sind. Ich malte Spiderman!
Superhelden-Comics waren für mich das Größte überhaupt. Jeden Monat gab ich dafür mein Taschengeld her und durchlebte die Abenteuer der Helden auf dem Heuboden. Es dauerte nicht lange, bis ich selbst ein Superheld war. Während ich den Stall ausmistete, entwickelte ich Kräfte wie Hulk und bei Nacht war ich Daredevil. Doch am Liebsten war ich Superman, denn der konnte fliegen.

Es musste wunderschön sein, schwerelos zwischen den Wolken zu gleiten, die Erde tief unter mir und der grenzenlose Himmel um mich herum. Es war kurz vor meinem 10. Geburtstag. Ich hatte mich mit einem Comic auf dem Hügel hinter der Weide versteckt. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne schien warm und ein leichter Wind brachte angenehme Kühle. Gerade hatte ich ein neues Abenteuer an der Seite meines Helden erlebt und lag auf dem Rücken im Gras. Wenn ich doch nur fliegen könnte. Vielleicht nicht grade wie Superman. Vielleicht eher wie – diese Schwalbe. Ich beobachtete den Vogel eine ganze Weile und vergaß die Welt um mich herum. Einfach die Flügel ausbreiten und davon fliegen. Das wäre so stark.
Und dann fing die Verwandlung an. Im ersten Moment merkte ich es gar nicht. Da war nur ein Jucken überall auf meiner Haut. Bis ich erkannte, dass da Federn aus meiner Haut wuchsen – echte Federn! Ich glaube, ich hab geschrien. Dann fing ich an zu schrumpfen und im gleichen Augenblick fingen die Schmerzen an. Es war grauenhaft und ich dachte, ich müsste sterben. Doch als es endlich vorbei war und ich registrierte, was passiert war, waren die Schmerzen vergessen. Ich flog! Ich hab keine Ahnung wie lange diese erste Verwandlung dauerte. Denken konnte ich sowieso nicht. Da war nur der Himmel, der Wind und ich.
Die Gedanken kamen erst später, nachdem ich mich zurück verwandelt hatte. Ich war ein Mutant – das glaubte ich damals.

Von den X-Men wusste ich, dass man übermenschliche Kräfte besser verborgen hielt. Die Menschen reagierten nicht immer gut auf jemanden, der anders war. Und wie überhaupt sollte das in unserem verschlafenem Nest aussehen? Da glaubte doch niemand an Mutanten!
Ich lerne also wie Peter Parker im Verborgenen mit meinen Kräften umzugehen. Na gut, das ist ein wenig übertrieben. Wirklich kontrollieren konnte ich damals nicht, was ich tat. Ich verwandelte mich auf jeden Fall nur, wenn ich allein war.
Irgendwann hat mich aber doch jemand beobachtet und den Sternen sei Dank war es niemand, der mich daraufhin gleich umgebracht hätte. Das ist keine Übertreibung.
Er stellte sich mir als Herr Unterwagner vor und stellte mir jede Menge Fragen, die ich verwirrt beantwortete. Schließlich erklärte er mir, dass ich keineswegs ein Mutant war, sondern ein Teil der magischen Welt. Ich bedauerte nur eine kleine Weile, kein Mutant zu sein. Herr Unterwagner erzählte mir phantastische Dinge, die noch nicht einmal ich mir ausmalen konnte. Ganz besonders skeptisch war ich, als er vorschlug zu meinen Eltern zu gehen. Doch was sollte ich tun? Er war erwachsen und ich gerade 10 Jahre und außerdem ziemlich schmächtig für mein Alter.

Herr Unterwagner versuchte es meinen Eltern schonend bei zu bringen. Er stellte sich als Lehrer eines Jungeninternats für besonders Begabte vor. Mir hatte er verschwiegen, dass er Lehrer war. Sonst hätte ich ihm nicht so leicht vertraut. Auch meine Eltern waren skeptisch, denn bei meinen Noten konnten sie sich nicht vorstellen, dass ich besonders begabt sein sollte. Herr Unterwagner erklärte, dass es auch andere Arten von Begabungen gab. Das ganze Gespräch wieder zu geben, würde nun zu lange dauern. Mir war es damals schon zu langweilig und irgendwann verwandelte ich mich ganz einfach und zeigte meiner Familie was ich konnte. Mutti und Papa waren total erschrocken, Lisa fürchtete sich und Annika wollte wissen, wie sie das lernen kann. Sie erholten sich bemerkenswert schnell von dem Schreck, dachten aber nicht ansatzweise daran, mich auch ein Internat zu schicken. Es brauchte einige Überredungskunst von Herrn Unterwagner, bis meine Eltern einsahen, dass ich in dieser Schule den Unterricht bekäme, den ich brauchte.

Saltuarius war für mich wie geschaffen. Dort lernte ich wenigstens sinnvolle Dinge – von Mathe mal abgesehen. Der Unterricht machte Spaß – meistens. Unter den Schülern fand ich schnell ein paar Freunde. Natürlich gab es immer jemanden, der mich nicht mochte oder den ich nicht ausstehen konnte. Ganz besonders meine geringe Größe und mein kindliches Aussehen waren oft Angriffspunkt für die Anderen.
Mein bester Freund wurde Sebastian, ein Magier in meinem Alter. Er war größer und kräftiger als ich und spielte sich gern als mein Beschützer auf. Er war ein begnadeter Krabbenhockeyspieler und zusammen mit einigen anderen Jungen heckten wir jede Menge Streiche aus. Vor einem Spiel war er meistens schon früh wach und joggte um den See um sich aufzuwärmen. So war es auch an dem Morgen des Überfalls.

Ich weiß nicht mehr, was alles genau geschah. Es ging so schnell, es war laut und alles so schrecklich. Ich war mit einigen Jungen beim Frühstück und damit praktisch umzingelt, als es los ging. Ich verwandelte mich und konnte durch ein Fenster entkommen. Das letzte was ich sah, war einer meiner Mitschüler, der sich in einen Werwolf verwandelte und unter unseren Angreifern wütete.
Schnell merkte ich, dass ich im Freien keineswegs in Sicherheit war. Die Ordensmitglieder erkannten mich zwar nicht als Magischen, aber sie schossen sowieso auf alles, was sich bewegte. Sie brutzelten einen Sperling aus der Luft. Einen harmlosen Sperling! Das hätte ich sein können! Wie viele andere floh ich in den Wald, aber auch dort lauerten die Angreifer. Über den Bäumen hatte ich wenigstens einen gewissen Überblick und konnte ihnen ausweichen. Ich warnte eine Gruppe Schüler, welche direkt in eine Falle zu laufen drohten und führte sie auf sicheren Wegen fort, bis wir einen Lehrer fanden, der uns in Sicherheit brachte.
Viel zu wenige überlebten dieses Massaker. Sebastian war nicht darunter. Nicht nur ich hatte einen besten Freund verloren. Ein paar vermissten auch ihre Brüder und keiner hatte mehr retten können, als das, was wir am Leib trugen.

Allmählich verblassen diese Erinnerungen und plagen uns alle nur noch in unseren Alpträumen. Davon habe ich reichlich. Immerhin haben wir einen Ort gefunden, wo wir bleiben können. Ich habe kein Problem, mit den Mädchen von Clavis Nauticus; immerhin bin ich mit zwei Schwestern aufgewachsen. Aber sie verstehen uns einfach nicht. Sie können sich nicht einmal im Entferntesten vorstellen, was es heißt, in einer Schlacht zu überleben, Freunde und Geschwister zu verlieren und ums nackte Leben zu laufen. Ich hoffe, dass sie es nie erleben müssen, denn dann gibt es keinen Ort mehr, an den wir können.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Stern der Liebe

Samstag, 16. Januar 2010

Joseph Graham

Joseph Graham
Richter in der Hölle
(c) Sonja Murach


„Willkommen Ladys und Gentlemen.
Ich möchte Ihnen heute einen Mann vorstellen, den man auf den ersten Blick als gewöhnlich bezeichnen könnte: Joseph Graham.“

Lächelnd sah der Redner auf das halbe Dutzend Gestalten, das, auf Klappstühlen sitzend, gebannt zu ihm hinauf schaute. Sie wirkten verloren in der riesigen Halle, doch das war dem Redner egal. Er stand auf einer zwei Fuß hohen, improvisierten Bühne, die größtenteils im Dunkeln lag. Nur ein einziges Spotlicht zeigte auf den Redner und grenzte ihn von der Dunkelheit ab.
„Freunde nennen ihn meist Joe oder Joey.“
Der Redner ließ die wenigen Worte einen Moment auf sein Publikum wirken, doch das erhoffte Resultat aus Raunen und Rufen blieb aus. Gedanklich hob er die Schultern und fuhr fort.

„Joseph Graham wurde am 25. März 1977 geboren. Seine Familie war Bestandteil der oberen Mittelschicht, wie tausend andere amerikanische Leute auch. Josephs Vater hieß Donald Graham. Dieser im Jahr 1949 geborene Mann war ein langweiliger Mensch mit einem langweiligen Leben. Don war Professor der Mathematik und unterrichtete im Laufe seines Lebens an verschiedenen Bildungsinstituten von der Highschool bis zur Universität. Der Alltag von Donald Graham bestand aus Zahlen und Statistiken. Sicher liebte er seine Familie, war allerdings nur bedingt zu zwischenmenschlichen Beziehungen in der Lage.
Donald Graham starb 1999, kurz nach seinem 50. Geburtstag, an Lungenkrebs.
Er hinterließ eine Frau.
Josephs Mutter, Victoria Graham, eine geborene Hersfield, entstammt dem Jahrgang 1954. Sie lebt noch und ist heute 71 Jahre alt. Über Vicky gibt es nicht viel zu sagen. Seit ihrer Hochzeit und der Geburt ihres ersten Sohnes war sie nicht mehr, als Gattin eines Professors, Hausfrau und liebende Mutter für Joseph und dessen Geschwister.
Isaac ist drei Jahre älter als Joseph und somit vom Jahrgang 1974. Er folgte dem Beispiel des Vaters und wurde Lehrer. Zu einem wirklichen Professor schaffte er es allerdings nie. Seit Jahren unterrichtet er an derselben Highschool. Das Geld reicht um seine Frau und seinen inzwischen erwachsenen Sohn zu ernähren.
Rachel ist vier Jahre jünger als Joseph, folglich aus dem Jahrgang 1981. Sie wurde Sozialpädagogin und arbeitet in einem Heim für geistig behinderte Kinder. Rachel ist geschieden und hat aus dieser Ehe eine inzwischen 16jährige Tochter.

Soviel also zu der Familie, die Josephs Kindheit beeinflusste. Ich werde mich später noch genauer zu diesem Bereich seines Lebens äußern. Gehen wir vorerst weiter zu seiner eigenen Familie und beginnen mit der Ehefrau.
Elisabeth Graham ist eine geborene Watson. Sie ist acht Jahre jünger als Joe, folglich gerade 40 Jahre und im Jahr 1985 geboren. Beth, wie sie in der Regel genannt wird, ist Heilpädagogin und Arbeitskollegin von Rachel. Sie ist nicht Josephs erste Frau, diese starb durch einen Autounfall, aber sie ist die Mutter seiner Kinder.
Lukas kam im Winter 2005 zur Welt. Ebenso wie Tochter Lindsey, die im Herbst 2008 geboren wurde, machte er seinen Eltern nie Probleme. Beide Kinder erlebten eine glückliche Kindheit in einer weitgehend intakten Familie. Joseph war ein strenger, aber fairer Vater, während die Mutter sich schon mal erweichen ließ.
Lindsey besucht inzwischen die Abschlussklasse der Highschool und wohnt noch zu Hause.
Lukas ereilte aber ein tragisches Schicksal. Gerade eben 18jährig, brannte er mit seiner schwangeren Highschool-Freundin durch und heiratete das Mädchen ohne Wissen der Eltern. Nach einem Jahr voll Familienstreit mit allen beteiligten Eltern, raufte sich das junge Paar zusammen. Nach langen Gesprächen nahm Lukas mit seiner kleinen Familie eine Wohnung nahe dem Elternhaus und begann eine Ausbildung als Verkäufer.
Im Frühjahr 2025 wurde er allerdings Witwer und verlor sein Kind. Eine tragische Geschichte. Auch darauf werde ich später noch näher eingehen. Josephs Enkelin, die kleine Rhianna, wurde nur zwei Jahre alt. Sie und ihre Mutter Doreen wurden bei einem Überfall auf eine Tankstelle erschossen.“

Während seines Monologs lief der Redner am Rand der kleinen Bühne auf und ab, immer im Rampenlicht, und warf ab und zu einen Blick auf sein kleines Publikum. Er blieb stehen und erkannte befriedigt, dass die Leute immer noch an seinen Lippen hingen und auf den Höhepunkt warteten.
„Joseph Graham ist ein waschechter New Yorker. Die meiste Zeit seines Lebens hat er in den verschiedenen Stadtteilen gewohnt. Zuletzt war es Queens. Allerdings habe ich aus sicheren Quellen erfahren, dass ein Umzug nach Manhattan unmittelbar bevorsteht. Ich bezweifle, dass er New York jemals verlassen wird.“
Ein geradezu diabolisches Grinsen zeichnete sich auf den Lippen des Redners ab und er ließ seine Worte erneut wirken, ehe er weiter sprach.

„Noch ist Graham nicht verurteilt. Das wird er auch nicht – zumindest nicht von einem staatlichen Gericht. Wir werden ihn allerdings verurteilen. Ich würde sagen, die Anklage lautet folgender Maßen:
- Missbrauch der Staatsgewalt
- Freiheitsberaubung
- Mord
Und das alles in so vielen Fällen, dass es sich nicht lohnt, auf jeden einzeln einzugehen.“
Das Grinsen des Redners nahm die Züge eines Grinch an und nach diesen Worten regte sich auch sein Publikum. Zustimmendes Raunen und einzelne Rufe schallten durch die Halle. Der Redner hob eine Hand um seine Zuhörer zu beruhigen.
„Haben sie noch einen Moment Geduld, Ladys und Gentlemen. Ehe wir mit dem eigentlichen Prozess beginnen, lassen sie uns kurz überlegen, ob das Urteil nicht vielleicht zu hart ist.“
Sekundenlang herrschte Stille in der Lagerhalle. Dann brach das halbe Dutzend Zuhörer in Gelächter aus, dem auch der Redner nicht ganz widerstehen konnte. Schmunzelnd winkte er ab.
„Ich meine das ernst. Niemand von uns weiß wirklich, wie es in Manhattan aussieht – Gott sei Dank, möchte ich behaupten. Aber ich kann mir vorstellen, dass es dort Gruppierungen und Gangs gibt, wie man es aus jedem Knast kennt. Ob der gute Joseph sich einen von ihnen anschließen kann? Oder – wollen sie ihn vielleicht lieber alle lynchen?“
Der Redner wartete, bis erneutes Gelächter verklungen war, ehe er weiter sprach.
„Ich würde zu gerne Mäuschen spielen und sehen, wie sich der gute Richter Joseph Graham unter seinen Verurteilten schlägt.“

Unter Beifall, dass sich in der riesigen Lagerhalle irgendwie armselig anhörte, für den Redner aber Musik in den Ohren war, trat dieser ein paar Schritte nach hinten. Das Scheinwerferlicht folgte ihm, wobei der Lichtstrahl größer wurde und schließlich nicht nur den Sprecher, sondern auch die zweite Gestalt beleuchtete.
„Sehen sie ihn sich an, Ladys und Gentlemen. Richter Joseph Graham.“
Der Redner überragte Joseph Graham bereits, wenn dieser stand. Mit 167cm war der Richter alles andere als ein Riese.
„Laut Pass zählt unser großer Richter immerhin 1,70m, aber das auch nur auf dem Papier.“
Aus dem Publikum war leises Gelächter zu hören, während Graham ein Grunzen zustande brauchte, als der Sprecher ihm eine Hand auf die Schulter legte. Zu mehr war der ältere Mann kaum in der Lage. Ein breiter Streifen silbernen Klebebandes verdeckte die schmalen Lippen und einen teil des Bartes.
„Das wird sicher wehtun, wenn wir es abziehen.“
Der Sprecher deutete mit dem Zeigefinger auf das Klebeband, zwinkerte dem Richter zu und trat hinter diesen. Die Hände legte er auf die muskulösen Schultern des Mannes.

Graham war mit weiterem Klebeband an den Stuhl gefesselt. Seine Peiniger hatten sich nicht damit begnügt, ihm die Hände hinter die Lehne zu binden und die Knöchel an die Stuhlbeine zu kleben. Ein breiter Streifen mehrfachen Klebebandes wickelte ihn im Brustbereich geradezu ein und erschwerte ihm zusätzlich das Atmen. Den Peiniger kümmerte der Zustand seines Angeklagten wenig. Mit einer Hand deutete an dem ovalen Gesicht des Richters entlang.
„Lassen sie sich nicht durch seinen Zustand abschrecken. Unser Gast wurde besser behandelt, als er es verdient hätte.“
Diese subjektive Meinung des Redners hätte Graham selbst sicher nicht bestätigt, wäre er in der Lage dazu gewesen. Sein Kopf dröhnte. Der Richter wusste, dass Platzwunden seine Geheimratsecken, die mit jedem Jahr größer wurden, zierten. Das Haar des Mannes, eigentlich von hellbrauner Farbe, inzwischen aber von grauen Strähnen durchsetzt, war von getrocknetem Blut verklebt. Ebenso hielt es sich mit dem Bart – zumindest der Teil, der nicht vom Klebeband bedeckt war. Immerhin hatten sie ihm nicht die Nase gebrochen. Sie war immer noch schmal und grade und im Moment wohl das Hübscheste in seinem Gesicht.
Die braunen Augen des Familienvaters waren so geschwollen, dass die ersten Falten kaum noch auffielen. Zeit seines Lebens war die Freude eben daran in den Seelenfenstern zu lesen gewesen. Selbst bei dem erwachsenen Mann funkelten die Augen oft bubenhaft und schelmisch auf.
Vor seinen Peinigern zur Schau gestellt, war lediglich Mordlust in den Augen zu erkennen. Der Redner, der ohnehin hinter dem Gefesselten stand, störte sich daran nicht.

„Richter Joseph Graham. Normalerweise bekommt unsereins ihn nur in seiner Robe zu sehen. Dabei zieht unser guter Richter in seiner Freizeit ein legeres Outfit vor. Meistens sieht man ihn in Polohemden, Pullovern, Jeans und Sportschuhen.
Ich will ihnen noch ein wenig über den Mann erzählen, den wir verurteilen werden, Ladys und Gentlemen.
Er ist ein Mann mit Sportsgeist. Es sollte niemanden wundern, der ihn kennt. Der liebe Joey treibt gerne Sport und ernährt sich gesund. Wäre er nicht grade so demoliert, würden wir das seinem Körper auch ansehen können. Ein schlanker und athletischer Körper, der die Blicke der Frauen sicher auf sich zieht.
Apropos Frauen.“
Der Redner hob einen Zeigefinger, als sei ihm etwas Wichtiges eingefallen und trat neben seinen Gefangenen. Mit einem entschuldigenden Lächeln zu diesem, zupfte er den kurzen Ärmel des Polo-Shirts die rechte Schulter hinauf.
„Ein Tattoo. Sie sehen ein Kreuz im viktorianischen Stiel. Darunter ist der Name Lianna eingestochen. Hübsch, nicht wahr?“
Lächelnd schaute der Sprecher wieder zu seinen Zuhörern hinab.
„Auf die Bedeutung komme ich später zurück.“

„Erst einmal“, der Redner führte die Fingerspitzen vor seinem Körper zusammen und trat erneut an den Rand der Bühne, „möchte ich die anderen Besonderheiten unseres Gastes nicht unerwähnt lassen.
Joseph Graham wäre kein Richter, wenn er sich nicht mit Gesetzestexten auskennen würde. Sein Spezialgebiet ist das Jugendschutz und –strafgesetz. Ohne sein Amt schmälern zu wollen – er ist eben nur ein kleiner Jugendrichter. Eine Position, in der er dennoch eine Menge Schaden angerichtet hat. Auch dazu später mehr.
Wir wollen hier nicht nur den Richter sehen, sondern den Mann Joseph Graham als Ganzes.
Dass er Sportler ist, erwähnte ich bereits. Football ist sein heimliches Vergnügen, auch wenn er allmählich zu alt für diesen Sport wird.
Ebenso hat es ihm der Motorsport angetan. Der kleine Joey liebt schnelle Autos. In seinem Urlaub nimmt er an lokalen Meisterschaften teil und natürlich bastelt er auch gern an einem Auto herum.

Ein Richter, der nicht fair ist, ist kein guter Richter. Die längste Zeit seines Lebens war Joseph jedoch eben dies.
Sportsgeist, Fairness, Toleranz, Rücksichtnahme. Dies alles sind Worte, die eine Bedeutung im Leben des Richters hatten. Wären sie immer noch so bedeutungsvoll, würden wir nicht hier sitzen.
Ich erwähnte den Tod der Schwiegertochter und der Enkelin, ja? Wie es dazu kam, erzähle ich später - wenn wir noch Zeit dazu haben. Seit dem Mord an diesen Beiden ist der Richter in vielen Bereichen wie ausgewechselt.
Er lacht immer noch gerne. Sport und seine Familie ist ihm ebenso wichtig wie sein Job. Aber er ist strenger geworden. Lindsey dürfte ein Lied davon singen dürfen.
Und wir alle bilden den Background Chor."
Der Redner breitete seine Arme in einer Geste aus, die ihn und seine Zuschauer umfasste.
"Verzeihen sie mir diesen kleinen Vergleich, Ladys und Gentlemen, aber er ist passend. Joeys Tochter leidet lediglich unter einem vor Sorge überstrengen Vater. Wir leiden aber unter einem unverantwortlich strengen Richter!"

Wäre Joseph nicht an diesen Stuhl gefesselt, hätte er jeden Sportsgeist und Gerechtigkeitssinn vergessen. Er war beinahe blind, was mehr an seiner Wut, als dem zu geschwollnem Auge lag. Im Allgemeinen dauerte es wirklich lange, bis man Joseph Graham soweit gereizt hatte, dass er zuschlug. Niemals hatte er die Hand gegen seine Frau oder seine Kinder erhoben. Ein einziges Mal hatte er einem Nachbarn ein blaues Auge verpasst und das auch nur, weil dieser den damals zehnjährigen Lukas wie ein Wilder geschüttelt hatte. Lukas hatte mit einem Fußball das Fenster des Nachbarn zerdeppert. Wirklich, es gab wenig, dass Joe wütend machen konnte. Unfairness zählte dazu, aber viel mehr noch ein böses Wort oder eine eben solche Tat gegen seine Familie.
Dies war auch die Veränderung, von welcher der Peiniger sprach. Der Richter war ein Familienmensch, der gerne lachte. Er liebte gemeinsame Aktivitäten, die meistens etwas mit Sportlichkeit zutun hatten. Aber ebenso gut konnte er auch einen gemütlich Abend zu Hause vor dem Fernseher oder bei einem Gesellschaftsspiel verbringen.
Als aber Doreen und Rhianna ermordet wurden, hatte ihm jemand den Krieg erklärt. Richter Graham, der seine Trauer Zuhause nicht zeigen konnte, weil er der Fels und der Halt für Gattin und Kinder war, verwandelte diese Trauer in Zorn. Er ließ sich auf den Krieg ein und verwandelte seinen Gerichtssaal zum Schlachtfeld. Er gewann jedes Scharmützel, indem er die Angeklagten stellvertretend für die Mörder seiner Schwiegertochter und seiner Enkelin härter bestrafte als jemals zuvor.

„Vielleicht ist dem Richter nicht einmal bewusst, wie sehr er bei all dem über die Strenge schlug.“ Der Redner faltete die Hände und betrachtete seinen Gefangen einen Augenblick lang.
„Nun, er mag bisher die Schlachten gewonnen haben, aber den Krieg gewinnen wir – heute Nacht!“

Der Redner hob den Kopf und schaute über sein Publikum hinweg, als eine Seitentür der Lagerhalle geräuschvoll geöffnet wurde. Abwartend beobachtete er, wie ein Bär von einem Mann näher kam, verfolgt von den Blicken der Zuschauer. Der selbsternannte Richter hockte sich gar an den Rand der Bühne, als der Neuankömmling dort stehen blieb und lauschte dessen leise Worte. Sie waren so wenig für das Publikum bestimmt, wie für Graham. Schließlich nickte der Redner und richtete sich wieder auf. Während der wandelnde Schrank seinen Platz seitlich der Bühne fand, hob der Sprecher die Arme.

„Ladys und Gentlemen, sie werden sicher ebenso erfreut zu hören wie ich, dass der Vollstreckung unseres Urteils nichts mehr im Wege steht. Allerdings haben wir noch mehr als genug Zeit, einige Einzelheiten zu beleuchten, was Richter Graham betrifft. Ich denke, im Interesse der Allgemeinheit wollen wir nicht unenthüllt lassen, wie aus einem engagierten Bürger unserer Stadt ein Verbrecher wurde.“ Der Redner drehte sich leicht und warf einen Unheil verheißenden Blick auf seinen Gefangen. Die Augen wieder seinen Hörer zuwendend, wanderte er gemächlich am Rand der Bühne auf und ab, während er seinen Monolog hielt.

„Ich erwähnte bereits, dass der kleine Joey im Frühjahr 1977 als zweites Kind einer amerikanischen Durchschnittfamilie zur Welt kam. Genau so war auch seine gesamte Kindheit – durchschnittlich. Donald Graham ging arbeiten, während Victoria Heim und Kinder versorgte. Der Vater war das Oberhaupt, aber die Kinder hatten ein besseres Verhältnis zur Mutter. Sie war ganz einfach wärmer als der Vater.
Zu seinen Geschwistern hatte Joe immer ein gutes Verhältnis. Die Brüder Isaak und Joseph waren beide Sport begeistert, während die kleine Schwester Rachel eher eine Einzelgängerin war. Bereits damals zeichnete sich ab, dass Wettkämpfe, ganz besonders ein Sieg, für den jungen Joe einen ebenso hohen Stellenwert hatten, wie Familie und Freundschaft. Der kleine Joseph hasste es zu verlieren, aber er verachtete Unfairness. In der Familie wurde sehr auf Werte wie Freundschaft, Nächstenliebe, Akzeptanz und Toleranz geachtet. Diese Erziehung trugen alle drei Kinder auch in die Schule. Die Welt des Schulhofes war grausamer als das Elternhaus, aber die Graham-Kinder schafften es stets, sich aus dem größten Ärger raus zu halten.
Als Kind hatte Joseph einige Freunde, in der Regel ebenso kleine Sportler, wie er selbst einer war. In der Schule brauchte er sich nie sonderlich anstrengen. Er war eines der glücklichen Kinder, dass auf dem Sportplatz herum tollte und dennoch gute Noten schrieb, während andere Stunden lang büffeln mussten.
Das änderte sich auch nicht in der Highschool und auf diese Weise konnte der Schüler seine beiden Hobbys problemlos unter einen Hut bringen – Football, Joe spielte in der Highschool Mannschaft, und Autorennen. Als Isaac seinen Führerschein machte und zum 16. Geburtstag sein erstes Auto geschenkt bekam, waren die Brüder schon lange begeisterte Motorsport Fans.
Damals verstieß Joseph zum ersten Mal gegen das Gesetz. Er fuhr des Öfteren mit dem Wagen seines Bruders, lange bevor er einen eigenen Führerschein hatte. Allerdings gehörte er erneut zu den Glücklichen – er wurde nie erwischt.“

Der Redner räusperte sich einmal. Der lange Monolog sorgte für eine trockene Kehle und er winkte dem Schrank. Entgegen jeden klischeehaften Erwartungen verstand dieser den Wink und setzte sich in Bewegung. Der Redner strich sich nachdenklich über das Kinn und betrachtete Graham, der einfach nur da saß und alles über sich ergehen ließ. Eine andere Wahl hatte der Richter ohnehin nicht. Im Publikum wurde es unruhig, aber der Sprecher wartete, bis er etwas zu Trinken hatte, ehe er fort fuhr.

„Nun, Ladys und Gentlemen, überspringen wir ein paar Jahre.
Nach der Highschool ging Joseph nach Harvard, wo er Jura studierte. Wie für die meisten Studenten, war es auch für unseren lieben Joey eine Zeit des Feierns und des Lernens. Beides ging ihm leicht von der Hand, denn er war beliebt unter seinen Kameraden. Joe war Mitglied einer Stundenverbindung, betrank sich genau wie alle anderen an den Freitagabenden und nahm an fragwürdigen Mutproben teil, die er seinen eigenen Kindern nie gestatten würde. Nach einer dieser Mutproben, die mit Autos, Geschwindigkeit und Alkohol zutun hatte, wäre er beinahe von der Uni geflogen. Nur weil Joe nicht selbst gefahren ist, durfte er seinen Führerschein behalten. Andere hatten nicht so viel Glück. Aber…“ der Redner winkte ab, während er erneut am Rand der improvisierten Bühne entlang wanderte. „…das Alles sind Anekdoten, wie sie in jedem Leben auftauchen.
Das wirklich Interessante in dieser Zeit ist Lianna.
Lianna Jackson studierte ebenfalls Jura. Im Gegensatz zu Joseph, der tatsächlich plante der erfolgreichste Staranwalt aller Zeiten zu werden, war Lianna bescheiden aber ehrgeizig. Sie wollte die Jugend vertreten. Joseph musste stets lächeln, wenn sie erzählte, wie sie später als Richterin Adoptionen zustimmen, Familien wieder zusammen und fehlgeleitete Jugendliche auf den richtigen Weg führen würde. Joseph liebte Lianna von ihrem hübschen Lächeln bis zu ihrer Rosa-Sonnenbrillen-Einstellung. Die Studentin schaffte es sogar, ihren Freund von den waghalsigsten Mutproben abzuhalten. Joseph und Lianna machten Pläne.“
Der Sprecher machte eine theatralische Pause und fuhr dann fort: „Lianna starb bei einem Verkehrsunfall zwei Wochen nach der Hochzeit. Es gab keine Verantwortlichen und keine Schuldigen. Eine Verkettung unglücklicher Zufälle und das Leben von Josephs Liebe war vorbei. Er trauerte lange und vergaß darüber seinen Traum als Staranwalt. Stattdessen lebte er Liannas Wunschtraum weiter, indem er Jugendrichter wurde.

Richter Graham stand in dem Ruf, keine Frau an sich heran zu lassen. Joseph hatte zwar das eine oder andere seltene Date, doch nie wurde etwas Ernstes daraus. Rachel, die kleine Schwester, redete lange auf Joe ein. Er konnte doch nicht für den Rest seines Lebens Lianna nachtrauern – immerhin war er bereits 26. Irgendwann verschaffte sie ihm ein Date mit ihrer neuen Arbeitskollegin Beth.
Zu Anfang hasste Joseph die kleine Schwester für die Kuppelei. Elisabeth war bei weitem nicht der erste Versuch. Aber im Gegensatz zu den Anderen, konnte Joe sich mit Beth wenigstens gut unterhalten. Das Gesprächthema drehte sich zwar überwiegend um die Arbeit, aber viel zu viel Wein lockerte die Stimmung auf. Das erste Mal seit Liannas Tod schlief eine Frau im Bett des Richters. Es blieb nicht bei einem Date. Beth wusste zwar von der ersten Frau und dass Joe diese immer lieben würde, doch sollte sie eifersüchtig auf eine Tote sein? Als sie Joseph erzählte, sie sei schwanger, machte dieser ihr einen Heiratsantrag.“
„Und sie lebten glücklich, bis an sein Ende – also heute.“
Der Redner hatte noch den Mund offen stehen und drehte sich von seinem Publikum weg zu dem Schrank, der ihn so dreist unterbrochen hatte. Der bullige Mann hob seelenruhig die Schultern und brummte.
„Dass er ein guter Ehemann und Vater ist, wissen wir bereits. Komm zum Punkt. Ich hab gesagt, wir haben Zeit, nicht der Hubschrauber wartet ewig.“
Der Redner wurde rot, klappte den Mund zu und wieder auf und hätte diesen Idioten am Liebsten in seine Schranken gewiesen.
Das kleine Publikum bewegte sich unruhig auf den Stühlen und im Grunde hatte der Kerl sogar Recht. Sie mussten einen Zeitplan einhalten. Schnaubend drehte sich der Sprecher wieder den Zuhörern zu und nahm den Faden auf.

„Ja, sie lebten glücklich und friedlich. Richter Graham war beliebt in der Familie, bei den Kollegen und sogar bei den straffälligen Jugendlichen. Er war dafür bekannt, die Kids nicht einfach weg zu sperren, sondern ihnen helfen zu wollen. Unter Grahams Führung entstanden Projekte der Wiedereingliederung in die Gesellschaft und die Familien. Gegen alle Kritiker waren die Erfolge über die Jahre größer als die Misserfolge. Familie Graham ging es gut.
Daran konnte auch der Tod von Donald Graham 1999 nichts ändern. Der Professor starb an Krebs. Natürlich war es traurig, aber Joes Bindung zum Vater war nie besonders eng und immerhin starben viele Väter an dieser Krankheit. Es war der Lauf der Dinge.
Für den Richter war der Umgang mit dem rebellischen Sohn, der einfach mit seiner schwangeren Freundin durchbrannte, schwerer zu verarbeiten als der Tod des Vaters. Doch dies erwähnte ich bereits. Sie rauften sich zusammen und das Glück war mit Schwiegertochter Doreen und der kleinen Rhianna wieder komplett.“
Der Redner atmete tief durch und trank einen Schluck aus dem Becher, den er immer noch in einer Hand hielt.
„Kommen wir zum Punkt.

Doreen wollte lediglich Windeln im nahen Drugstore kaufen. Dummerweise begab sie sich damit zur falschen Zeit an den falschen Ort, denn während Mutter und Kind zwischen den Regalen umher liefen, stürmten ein paar vermummte Halbwüchsige herein. Später sagte der Junge, der geschossen hatte, die Waffe wäre von allein losgegangen. Sie wollten doch nur das Geld aus der Kasse haben. Geglaubt hat es ihnen niemand. Der Verkäufer an der Kasse kam mit einem glatten Durchschuss davon. Eine weitere Mitarbeiterin und eine Hand voll Kunden hatten einen Schock und leichte Blessuren. Doreen und das Kind waren aber tot.
Es war ein Schock für die Familie. Allen voran natürlich für Lukas – der hatte immerhin seine Familie verloren. Doch als der Richter erfuhr, dass diese Jugendlichen nur einen Tag vor dem Überfall seinen Gerichtssaal mit einer milden Bewährungsstrafe verlassen hatten, zerbrach etwas in ihm. Die Jugendlichen hatten Richter Graham den Krieg erklärt und er führte von nun an die Schlachten in seinem Gerichtssaal.“

Joseph hätte am Liebsten aufgelacht, doch das Klebeband hinderte ihn daran. Es war irgendwie seltsam, dass dieser Fatzke nun genau die Worte in den Mund nahm, die er selbst zuvor gedacht hatte. Der Peiniger sprach weiter, behauptete die Gefühle des Richters verstehen zu können, sähe das aber nicht als Entschuldigung seiner Taten. Dabei hatte er nichts anderes getan, als diese Verbrecher dort hin zu bringen, wo sie hingehörten.
Joseph blinzelte, als der Scheinwerfer ihn noch einmal ins Visier nahm. Der Peiniger sprach von der Urteilsverkündung. Das Licht glitt weiter zum Publikum wo es die Hand voll Leute anstrahlte. Eine Frau stand auf und keifte los. Joe schloss resignierend die Augen und lauschte lediglich der Stimme. Er wünschte, auch diese aussperren zu können.
Das hier war keine Verhandlung, sondern eine Farce. Das Urteil stand bereits vor zwei Tagen fest, als sie ihn nur wenige Schritte vor seinem Haus in einen Lieferwagen gezerrt hatten. Sie hatten ihn verprügelt, eingesperrt, ihn in seinem Dreck liegen und hungern lassen. Erst kurz vor dieser Verhandlung hatten sie ihm mit einem Gartenschlauch abgespritzt und ihm kalte Brühe zu trinken gegeben. Vermutlich nur, damit er dieses Schauspiel auch durchhielt.
Joe folgte den Worten der Jury kaum. Er wusste genau, was sie ihm vorwarfen, denn sie hatten es ihm in den letzten 24 Stunden unzählige Male an den Kopf geknallt. Er hatte die Kinder dieser Leute nach Manhattan gebracht. Sie waren wirklich noch Kinder gewesen, alle zwischen 16 und 21. Aber sie waren alle Verbrecher – Mörder, Drogendealer, Vergewaltiger. Die Eltern mochten nun weinen, weil ihre Kinder mit erwachsenen Schwerverbrechern zusammen gesperrt wurden – Lebenslänglich. Sie sagten, er hätte damit den Tod dieser Kinder zu verantworten. Doch Joseph hatte richtig gehandelt. Nichts, was diese Leute ihm antun konnten, würde etwas an seiner Einstellung ändern.
Einer nach dem Anderen war aufgestanden und hatte noch einmal seine ganz persönliche Anklage ausgerufen. Nun riefen sie im Chor: „Schuldig! Schuldig! Schuldig!“
Es hallte surreal von den Wänden wieder. Der Redner hockte sich vor den Gefesselten und Joe hätte ihm am Liebsten das Grinsen aus dem Gesicht geprügelt.
„Schuldig“, sagte er, während der Chor hinter ihm weiter klang: „Ich wünsche ihnen alles Gute in Manhattan, Richter Graham.“
Joseph spürte noch, wie der Bullige hinter ihn trat. Er stemmte sich gegen seine Fesseln aus Klebeband und in ihm wuchs die Kraft eines Verzweifelten. Den neuen, dumpfen Schmerz in seinem ohnehin pochenden Schädel spürte der Mann kaum. Es wurde dunkel um Richter Graham.